Ein guter Fokus?

Normalerweise laufe ich, um entspannt etwas für meine Fitness zu tun. Ich genieße die Gegend und mache mir wenig Gedanken darum, wie weit oder schnell ich unterwegs bin: Schon seit Jahren laufe ich dieselbe Runde, ab und zu mal eine extra Kurve.

Diesen Samstag ist es anders. Wegen eines kurzen, aber heftigen Infekts war ich eine ganze Woche gar nicht laufen und nehme mir spontan etwas mehr vor – weiter als sonst und möglichst schnell. Dafür aktiviere ich die Lauf-App auf meinem Handy, die ich ab und zu benutze.

Gedanklich baue ich einige Schleifen in meine Standardrunde ein, nehme mir vor, Gas zu geben – und los geht´s. Ich fokussiere mich auf ein anspruchsvolles Tempo; die Landschaft und auch meine sonst beim Laufen herumschweifenden Gedanken schieben sich in den Hintergrund. Für etwas Wichtiges – ein seltenes Tier, einen unerwarteten Spaziergänger … – würde ich mich aber wahrscheinlich unterbrechen lassen. Denke ich.

Je weiter ich laufe, umso schärfer wird mein Fokus: Ich fixiere mich vor allem auf mein zweites Ziel – möglichst schnell. `Jetzt bin ich schon so weit gekommen´, denke ich, `jetzt ziehe ich das durch.´

Auf meiner Runde passiere ich ein Altersheim; von hier aus sind es nur noch anderthalb Kilometer. Schon von weitem erspähe ich einen der Bewohner: Hans mit seinem Rollator. Eigentlich reden wir JEDESMAL kurz miteinander, wenn wir uns begegnen. Heute nicht! Ich winke ihm zu, lächle (hoffentlich erkennbar), keuche ihm ein `Guten Morgen´ entgegen und stürme vorbei. Er scheint zu verstehen, winkt zurück und zuckelt weiter. Es (und er) tut mir ein bisschen leid, aber in dem Moment kann ich nicht anders. Zu Hause bin ich stolz auf und zufrieden mit meinem (in der App ablesbaren) Ergebnis und weiß doch: Es ist ein sehr vergängliches Gefühl.

Meinen persönlichen Ehrgeiz habe ich beim Laufen immer dabei. Aber vielleicht lasse ich mein Handy mit der Lauf-App nächstes Mal wieder in der Küche liegen. Falls ich Hans treffe, ist es besser, ich bin nur fokussiert und nicht fixiert!

Was ich übersehe und was nicht …

Ich finde im Supermarkt nicht den 3:1-Gelierzucker und frage eine Verkäuferin, ob dieser gerade nicht lieferbar ist. Sie verneint und kommt mit zum Regal. Da steht er, eine Etage unter der mit dem 2:1-Gelierzucker – nur von einer anderen Firma. Obwohl ich intensiv auf der Suche danach war, hatte ich ihn übersehen: Ich war fixiert auf die falsche Sorte.

Anschließend fahre ich mit dem Auto nach Hause und nehme alles mögliche wahr: Fußgänger an der Ampel, dass die Post noch geschlossen ist, die Straße mitsamt dem Verkehr, den blauen Himmel … Es huscht alles an mir vorbei; ich kann kaum etwas fixieren: Dennoch übersehe ich nichts Wichtiges.