Platz für eine Zimmerpalme

Im Sommer schnitt mein Mann eine unserer Zimmerpalmen nicht nur zurück, sondern ab: Nach Jahren mäßigen Vor-sich-hin-Wachsens sollte sie eine letzte Chance erhalten, neu auszutreiben. Ein wenig stolz zeigt er mir jetzt die Ergebnisse dieser Radikalkur: vier neue Triebe. Ich bin beeindruckt – das hätte ich nicht gedacht. Vielleicht ist dieser Erfolg Anfängerglück, vielleicht bewirken drastische Rückschnitte bei Zimmerpalmen IMMER ein fröhliches Austreiben : Wir werden es nie erfahren. Fakt ist, dass die Pflanze jetzt wieder Lebenswillen zeigt und sich damit (zumindest zunächst) einen Platz auf unserem Fensterbrett sichert. So einfach ist das also!

Nicht so einfach

„Nun aber legt alles ab von euch: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schandbare Worte aus eurem Munde; belügt einander nicht; denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Werken ausgezogen und den neuen angezogen, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat.“
Kolosser 3, 8-10

Als wenn das so einfach wäre: die schlechten Gewohnheiten „ablegen“. Als wäre der alte Mensch ein Kleidungsstück, das man beliebig ausziehen und wechseln kann. Mir zumindest fällt es schwer, alte Muster nicht mehr zu bedienen:

Zorn und Grimm? Es geht noch immer furchtbar schnell, dass ich mich ärgere und zornig werde – und nicht so schnell vergessen kann.
Bosheit? Ich würde gern sagen, dass ich nicht boshaft bin; aber einigen mächtigen, aber mir höchst unsympathischen Zeitgenossen gönne ich ihr Scheitern allemal.
Lästerung und schandbare Worte? Darin bin ich deutlich freundlicher geworden in den vergangenen Jahren, was aber vielleicht nur an einer bereits einsetzenden Altersmilde liegt. Und in meinem Herzen erhebe ich mich noch immer über Leute, die ich als schwierig empfinde.
Lüge? Ich lüge nicht, das kann ich sagen; aber ich sage auch nicht immer die Wahrheit.

Aber dann geht der Text noch weiter:
„So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertragt einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
Kolosser 3, 12+13

Allgemein und in einer konkreten Situation kann ich mich entscheiden – für oder gegen ein bestimmtes Verhalten. Das funktioniert nur, wenn ich weiß, dass ich geliebt bin von Gott. Dann werde ich anders leben wollen und entscheide mich:
für das Erbarmen – und gegen den Zorn,
für die Freundlichkeit – und gegen die Bosheit,
für Demut, Sanftmut und Geduld – und gegen schandbare Worte,
für die Wahrheit – und gegen die Lüge.

Das ist immer noch nicht so einfach; ich werde es manchmal besser, manchmal schlechter hinbekommen. Aber mit fortwährendem (An-)Probieren werden mir die neuen (Verhaltens-)Kleider besser passen als die alten – und besser stehen.

Gespaltenes Land?

Kürzlich las ich zwei Thesen über die Unterschiede zwischen Ost- und West-Deutschland in Zeiten von Covid-19: Laut der einen vermuten Experten, dass die Ostdeutschen sich besser an die derzeitigen Beschränkungen anpassten, weil sie staatliche Eingriffe aus der Vergangenheit eher gewohnt seien. Andere Experten meinten festzustellen, die Ostdeutschen reagierten besonders aufmüpfig auf die Begrenzungen, weil sie sich nach 40 Jahren DDR jetzt gar nichts mehr vom Staat vorschreiben ließen.

Ich halte beides für die zu einfache Erklärung, die nur selten stimmt. Es gibt in Ost und West beide Typen Mensch, wenn ich das mal so sagen darf; und es hilft nicht, unser Land schon wieder (oder immer noch) nach Ost und West zu unterteilen. Es reicht schon, dass Menschen sich vielleicht insgeheim über die Bundesbürger ärgern, die durch ihre Winterferien-Reiselust das Corona-Virus eingeschleppt haben. Oder über diejenigen, die noch immer entspannt und ohne Mundschutz zum Einkaufen fahren. Oder die Krisenverlierer neiden den Krisengewinnern ihre privilegierte Situation… Solche Dinge machen an der ehemaligen Ost-West-Grenze nicht halt und haben mit den in 40 Jahren gewachsenen und seit 30 Jahren noch immer durchscheinenden Unterschieden wenig bis gar nichts zu tun.

Spontan

Ein Samstag im August. Das Wetter ist wunderbar – spätsommerlich warm, sonnig und windstill. Spontan haben wir die Idee zu grillen und laden dazu ein. Wir telefonieren nicht den ganzen Tag, aber doch häufig. Freunde, Kollegen, Nachbarn – wir arbeiten uns voran von denjenigen, die uns sehr vertraut sind, zu denjenigen, die noch nie bei uns waren: Alle sagen ab. Am Ende schauen wir uns an und wissen, wir haben alles gegeben.

Wir waren zu spontan. Jedenfalls ist das unser Trost. Alle Absagen klangen nach Bedauern: „Schon was anderes vor!“ „Zu kaputt.“ „Noch so viel vorzubereiten für den Gottesdienst morgen.“ Manch potentieller Gast war nicht erreichbar. Wir nehmen es nicht persönlich; der Abend wird auch ohne Besuch sehr schön – entspannt und familiär. Wahrscheinlich lag es nicht an uns, es sollte einfach nicht sein.

Keine 24 Stunden später: Nach dem Gottesdienst nehmen wir spontan(!) alte Freunde mit zu uns, um das angefangene Gespräch in unserem Garten fortzusetzen. Sie gehen mit – und noch ein paar andere. Es wird ein besonderer Nachmittag, wir gehen nach fünf Stunden alle beschenkt auseinander. Wahrscheinlich lag es wieder nicht an uns, es sollte einfach so sein.

Schick genug?

Was zieht man an zu einem besonderen Ereignis? Eine einfache Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. In einem Gespräch mit Freundinnen habe ich kürzlich gemerkt, wie weit die Ansichten diesbezüglich auseinander liegen können: Eine Freundin von mir hat ein elegantes Kleid für den Abi-Ball ihres Sohnes. Nun müssen noch die farblich passenden Schuhe dazu her. Ganz abgesehen davon, dass ihr Kleid sicherlich „zu schick“ für mich wäre, ist mir der Gedanke fremd, mir extra für ein Kleid die richtigen Schuhe kaufen zu müssen. Tendenziell ist mir Mehrzweck-Nutzbarkeit wichtiger als der perfekte Stil.

Ich würde sogar soweit gehen, die Schuhfrage mit einem einfachen „Schwarz geht immer!“ zu erledigen. Allerdings weiß selbst ich, dass das für weiße oder sehr sommerliche Kleider wirklich nicht passt. Außerdem hat diese spontane Aussage auch schon das ein oder andere Stirnrunzeln hervorgerufen.

Nun befinde ich mich noch nicht direkt vor dem Abi-Ball meines Sohnes, vielleicht denke ich in drei Jahren anders. Heute würde ich sagen, mein Stil ist nicht besonders elegant, aber schick genug. Es ist mir wichtiger, dass zu mir passt, was ich anhabe – auch wenn ich damit im Zweifelsfall unausgesprochenen Standards nicht genüge. Es sei denn, mein Sohn (oder mein Mann) sagt: „Geht gar nicht.“ Dann müssen wir „schick genug“ neu verhandeln.