Brief an meine Freundin

Wir werden beide älter: Es dauert alles etwas länger, manche Dinge sind uns inzwischen zu anstrengend. Du schaust mich an und sagst, du könntest zum Beispiel nicht joggen gehen – wie ich. Ich schaue dich an und sage, ich könnte nicht den ganzen Tag im Stall arbeiten, nebenbei ein Zimmer renovieren und mittags pünktlich das Essen auf dem Tisch haben – wie du.

Ich kann manches, was du nicht könntest; und du kannst eine Menge, was ich nicht könnte. Dabei würden wir beide fast alles lernen oder uns daran gewöhnen, wenn wir es einübten. Es gibt für alles ein erstes Mal, und das ist immer ungewohnt und anstrengend. Mit der Zeit wird man besser, bekommt Routine und erledigt das Gelernte mit weniger Anstrengung als am Anfang.

Zwischen `ich kann´ und `du könntest nicht´ liegt also nur eine Zeit des Übens – in unserem Fall sind es zwei verschiedene Lebensstile. Der eine ist nicht besser als der andere: Du bewunderst mich vielleicht; ich bewundere dich auf jeden Fall!

Ein Stift, ein Papier, eine Handschrift

Ich mag Handschriften. Zwei Freundinnen von mir schreiben nicht nur sehr leserlich und gleichmäßig, sondern für meinen Geschmack auch ausgesprochen schön. Dass sie sich noch dazu gut ausdrücken können, steigert das Lese-Vergnügen umso mehr.

Meine eigene Handschrift unterliegt starken Schwankungen. Ich weiß schon lange, dass das nicht nur an meiner eigenen Verfassung liegt, sondern eher am Schreibgerät: Das sauberste Schriftbild erzeuge ich mit einem Füller. Einige Kugelschreiber eignen sich ebenfalls, andere dagegen gar nicht; ein mittelharter Bleistift geht gut; Tintenroller sind (für mich) gänzlich ungeeignet. Dass aber das Papier eine ebenso wichtige Rolle spielt, habe ich erst kürzlich festgestellt. Normalerweise schreibe ich auf dem Kopierpapier, das wir für unsere Drucker benutzen – gern günstig, manchmal recycelt. Dieses Jahr bekam ich von meiner Mutter richtiges Briefpapier, inklusive Wasserzeichen. Seither sieht jede Briefseite schön aus, was hoffentlich bei den Empfängern gut ankommt. An der Güte des Inhalts hat sich nichts geändert – die hat eher mit meiner eigenen Verfassung zu tun …

Ein Brief

Mit Briefen mache ich die Erfahrung: Je mehr ich selbst schreibe, umso seltener bekomme ich eine Antwort. Das ist schade, aber nicht zu ändern. Ich schreibe weiter; und ab und zu fische ich einen Antwort-Brief aus dem Briefkasten. Diesmal ist er von meiner Grundschulfreundin: Überrascht, zufrieden und erwartungsvoll gehe ich ins Wohnzimmer und lese: „Obwohl ich mich nicht oft bei dir melde, denke ich oft an dich.“ Das geht gut los – und in dem Stil wunderbar weiter. Diese meine älteste Freundin berichtet, wie sie die Zeit erlebt. Ich teile ihre Gedanken, fühle mich verstanden und bin dankbar, dass es noch so passt zwischen uns. Wir sehen uns alle paar Jahre, telefonieren gelegentlich und dann sind da diese seltenen Briefe. Da ist wenig Kommunikation, aber viel gemeinsame Sicht: Kein Wunder, dass wir seit unserer Einschulung vor 45 Jahren befreundet sind … 

Nicht kompatibel

Ein Freund von mir kommuniziert über alle möglichen Messenger-Dienste, nur nicht über Briefe. Ich dagegen bevorzuge für bestimmte Mitteilungen (noch immer) den Brief. Daher funktioniert unsere Kommunikation nur mit Hürden: Ich nutze kein WhatsApp, Threema oder Telegram – und kann seine Nachrichten nicht empfangen. Er schaut nicht in seinen Postkasten – und findet meine Briefe nicht.

Wenn etwas dringend ist, schickt er mir den Screenshot eines WhatsApp-Verlaufs per Mail. Andersherum schreibe ich ihm eine Mail, wenn er in seinen Briefkasten schauen soll. Das ist total umständlich – und irgendwie lächerlich. Wir könnten einfach nur E-Mails schreiben; aber das ist für uns beide zweite Wahl: Ich finde Mails für manches zu steril, für ihn fällt Mail schon fast unter Post… Es bleibt das Telefon. Das ist noch altmodischer, passt nicht immer und meist vergessen wir etwas – aber was hilft`s? Unsere Kommunikationswege sind nicht kompatibel.

Gerade jetzt

Persönliche Treffen sind gerade jetzt nur noch eingeschränkt angesagt. Gleichzeitig sollen wir uns weder isolieren noch zulassen, dass allein lebende Menschen vereinsamen. Was tun? Soziale Medien können Verbindungen schaffen, das gebe ich zu; aber man kann auch in anderer Weise die von außen aufgezwungene Kontaktbegrenzung aktiv, sinnvoll und zur beiderseitigen Freude nutzen. Ich plädiere für das Medium „Brief“ – wieder oder erstmalig.

Gerade jetzt haben die meisten Menschen Zeit, einen Brief zu schreiben. Ebenso haben die meisten Menschen gerade jetzt den Wunsch nach menschlicher Zuwendung wie Anteilnahme, Ermutigung und Interesse. Als Alternative zum persönlichen Gespräch ist ein Brief hervorragend geeignet: Beim Schreiben wird man in der Regel nicht unterbrochen, kann in Ruhe Ordnung in die eigenen Gedanken bringen und sich intensiv auf das Gegenüber einlassen. Neben Werbung, Rechnungen und den vornehmlich negativen Schlagzeilen, die uns täglich aus dem Briefkasten entgegen fallen, sind persönliche Briefe eine erfreuliche Besonderheit. Es ist keine Kunst, jeder kann es ausprobieren: Schreibt Briefe – gerade jetzt!

Wann ist ein Brief ein Brief?

Ich habe einen Brief geschrieben, an einen alten Freund. Während ich schrieb, hatte ich diesen Freund vor Augen und im Sinn und wählte meine Ausdrucksweise so, dass sie passte – zu unserer gemeinsamen Vergangenheit, zu unseren Erinnerungen, zu unserem heutigen Miteinander.

Der Inhalt war austauschbar, der Stil nicht: Für niemanden sonst als diesen Freund formulierte ich in dieser speziellen Form und wählte die Themen aus. Niemand sonst als dieser Freund wird meinen Brief so verstehen wie er und beim Lesen dieses ganz spezielle Bild von mir vor Augen haben. Vielleicht wird ein Text nicht durchs Schreiben ein Brief, sondern erst durchs Lesen.

Es lebe der Brief!

Briefe sind eine aussterbende Spezies. Nur selten bekomme ich einen, obwohl ich regelmäßig welche verschicke. Heute jedoch habe ich einen Brief bekommen. Ich bin einerseits versucht, ihn sofort zu öffnen – alles stehen und liegen zu lassen für diesen Brief. Denn: Es hat sich jemand die Mühe gemacht, an mich zu denken und den Stift zu nehmen und Papier und einzutüten, abzuschicken. Das ganze Paket. Ich bin jemandem wichtig genug für einen Brief!

Andererseits lasse ich den Brief gern noch ein bisschen liegen, ich hebe ihn auf. Für den Moment heute, an dem ich ihn nicht so dazwischen schieben muss, sondern in Ruhe lesen und genießen kann – vielleicht sogar zweimal, wenn er kurz ist oder inhaltsschwer oder beides.

Briefe können unterhaltsam sein, informativ, ein gutes Mittel gegen Langeweile, eine Form der Wertschätzung und oft eine Möglichkeit, anderen wirklich Anteil zu geben an Gedanken von „unter der Oberfläche“.

In jedem Fall ist ein Brief eine Art Unterhaltung, die heutzutage sehr selten geworden ist – und das nicht wegen der andauernd erhöhten Portogebühr. Hin und her dauert bei Briefen deutlich länger als bei Mails, SMS oder gar WhatsApp oder dem direkten Miteinander. Ein Brief-Gespräch läuft anders. Ich kann an einem Thema zwar nicht so zeitnah dranbleiben, aber ich kann mich diesem besser widmen, tiefer gehen, es manchmal durch die verflossene Zeit aus mehreren Blickwinkeln betrachten. Manchmal kann ich in Briefen mutiger Dinge ansprechen als von Mensch zu Mensch – und ebenso mutig und ehrlich (und in Ruhe!!!) auf etwas reagieren. Auch kenne ich eine, die formuliert einfach zu schön für „nur einmal ausgesprochen“. Von ihr bekomme ich besonders gern Briefe. Oder Postkarten. (Obwohl Postkarten eine ganz eigene Spezies sind.)

Irgendwann mache ich den Brief auf und freue mich. Noch ein bisschen später setze ich mich hin und schreibe eine Antwort. Es lebe der Brief!

In Kontakt bleiben

In den 80er Jahren im ländlichen Raum nahe Potsdam: Wir haben Telefon, aber das nutzt einem manchmal gar nichts, weil so viele andere kein Telefon haben. Briefe von Kleinmachnow nach Ziesar brauchen circa fünf Tage – in der Zeit könnte man die Strecke auch zu Fuß zurücklegen. Mehrmals. Wir schreiben trotzdem Briefe.

1991 in Australien: Überall Telefonzellen; mit einer Visa- oder Mastercard kann man sich um die Unmengen an Kleingeld drücken, die man bräuchte, um nach Deutschland zu telefonieren. Nach 50 Dollar wird man automatisch unterbrochen – gut für den Geldbeutel. Meine vollfotografierten Filme habe ich mit der Post unentwickelt nach Deutschland geschickt – die lieben Verwandten haben dann mit leichter Verzögerung nacherleben können, was mir so passiert ist.

1994 in Tansania – Dar-es-Salaam: Irgendwo in einer Art Telefoncenter morgens ein Gespräch nach Deutschland angemeldet, stundenlang auf ein Durchkommen gewartet, abends wieder abgemeldet. Briefe dauern drei Wochen. Als ich in Tegel lande, erwarten meine Eltern eine zum Skelett abgemagerte Afrika-Reisende, dabei war mein vor Wochen im Brief erwähnter Durchfall schon längst wieder Geschichte.

1998 in Deutschland: „Fernbeziehung“ zwischen Heidelberg und Celle. Briefe dauern in der Regel einen Tag (und man schreibt sie immer noch), Telefonieren ist vergleichsweise teuer – Telefonkarten für die noch existierenden Telefonzellen sind in verschiedenen Preis-Kategorien erhältlich: Ich nehme immer die `ganz teuren´ für 50 DM und verbrauche mehrere im Monat.

2017 in Deutschland: Telefonzellen sind über die Jahre verschwunden. Manche Leute haben überhaupt keinen Festnetzanschluss mehr! Postboten bringen hauptsächlich Rechnungen oder Werbe-Dinge, selten Postkarten – gehäuft meist um Geburtstage oder Weihnachten herum. Briefe brauchen noch immer einen Tag – wenn nicht, regen wir uns auf. Telefone sind weniger zum Telefonieren da als zum Kommunizieren in anderer Form. ALLES wird geteilt, sofort und immerzu, meist mit Foto. Haben wir deshalb jetzt mehr Kontakt?