Fassungslos

Seit 30 Jahren gibt es die DDR nicht mehr; seither geht es immer mal wieder darum, das gute Erbe des `Ostens´ zu erhalten: der grüne Pfeil, bezahlbare Wohnungen mit stabilen Mieten, günstige Grundnahrungsmittel und natürlich Kinderbetreuung für alle. Vor allem zu dem letzten Aspekt steht um den 3. Oktober herum immer etwas in unserer Zeitung. Meist ist es ein Loblied auf die in der DDR konsequent umgesetzte frühkindliche Betreuung außerhalb der Familie. Nur durch sie seien die Frauen im Osten stolz und gleichberechtigt gewesen, heißt es da – im Gegensatz zu den (bedauernswerten) Hausfrauen und Müttern im Westen.

Seit nunmehr 30 Jahren sind Politiker überall in Deutschland bestrebt, das Kita- und Krippenplatzangebot auszubauen. Ich habe im Grunde nichts dagegen: Wer arbeiten gehen möchte oder muss, sollte die Möglichkeit dazu haben. Vor allem Teilzeitmodelle finde ich großartig. Ich bewundere sowohl Arbeitgeber, die junge Frauen oder Mütter beschäftigen – und ziehe meinen Hut vor jeder Frau, die sowohl Muttersein als auch Job gut und gern macht. Allerdings las ich vor einigen Tagen in der Zeitung einen Satz, der mich innehalten ließ: „Die Kita ist für viele Kinder unter der Woche ihr Leben. 60 Prozent der unter Dreijährigen, die in Ostdeutschland in die Kita gehen, bleiben da 45 bis 50 Stunden die Woche“, sagt eine Erziehungswissenschaftlerin. Und eine Kita-Leiterin ergänzt: „Gerade für Krippenkinder ist so ein Acht- bis Zehnstundentag sehr anstrengend.“ Ach nee, denke ich: Gewerkschaftler protestieren oder streiken für deutlich geringere Wochenarbeitszeiten.

Wenn das die ostdeutschen Errungenschaften sind, die unbedingt in der BRD weiterbestehen sollen, kann ich nur fassungslos den Kopf schütteln.

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