Fluglahm, lebenshungrig und wählerisch

Meine Tochter findet eine Schwalbe im Stall. Sie kann offensichtlich nicht fliegen, deshalb bringt mein Kind den Vogel abends mit nach Hause. Schwalben fressen gern kleine Insekten, sagt das Internet: Wir gehen also auf Fliegenjagd. Leider sind gerade, wenn man sie mal braucht, kaum welche im Haus, und eine tote Wespe spuckt die kleine Schwalbe wieder aus. „Die weiß, was sie mag und was nicht“, sagt meine Tochter bewundernd. Ein paar Obstfliegen und eine fette unvorsichtige Fliege später sitzt der kleine Nimmersatt ungerührt auf dem Terrassenstuhl und wartet auf mehr. Weil wir ihm irgendwann nichts mehr bieten, hüpft er die Terrassentreppe runter und hockt sich neben unser Auto. „Ich kann den Vogel sowieso nicht retten“, sagt mein Kind und geht ins Bett.

Am nächsten Tag sitzt die Schwalbe noch immer im Carport – etwas unterkühlt, aber ansonsten quicklebendig. Sie schaut mich erwartungsvoll an, also nehme ich sie wieder mit ins Haus. Motiviert von so viel Lebensenergie hängt sich meine Tochter ans Telefon und findet einen Menschen, der sich um lädierte Jungvögel kümmert. Und Schluss!

Fleißpünktchen

Ich fahre trotz meines Urlaubs kurz ins Büro, um etwas zu erledigen, was ich gern aus dem Kopf hätte. Eine ehrenamtliche Kollegin, die ich sehr schätze, sagt grinsend: „Dagmar sammelt Fleißpünktchen.“ Sie meint es spaßig und trotzdem ist es mir unangenehm. Also versuche ich zu erklären, dass es mir – theatralisch ausgedrückt – mehr um meinen „Seelenfrieden“ geht als um meinen guten Ruf.

Ich erlebe meine Chefin als kulant, großzügig und vertrauensvoll. Meinerseits bemühe ich mich, dies zu rechtfertigen und zu honorieren: Wenn ich mehr als Dienst nach Vorschrift leiste, tue ich das, weil ich „einen guten Job“ machen will, und nicht, um gut dazustehen. Fleißpünktchen brauche ich nicht.

Mittelalter

Obwohl es angesagt scheint, ein Leben lang möglichst jung und energetisch auszusehen und zu wirken, kenne ich niemanden in meinem Alter, der die Zeit gern zurückdrehen würde. Vielleicht liegt es daran, dass – pauschal gesagt – mit dem Alter zwar der Energielevel und der Ehrgeiz sinken, dafür aber die Erfahrung steigt. Auf die damit verbundene Abgeklärtheit und Gelassenheit verzichtet freiwillig niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat. Insofern bin auch ich dankbar für mein bereits erreichtes Alter: Der Druck, mich zu vergleichen und zu messen, sinkt. Auch dass meine schwindenden Kräfte mich zum Langsam-Tun zwingen, entspannt mich eher, als dass ich mich darüber ärgere.

Irgendwann wird das kippen: vielleicht schon bald. Laut Bibel kommen dann die „bösen Tage … und die Jahre nahen, da du wirst sagen: „Sie gefallen mir nicht.“ (Prediger 12, 1) Wir würden dann schlechter hören und sehen, heißt es in den darauffolgenden Versen; die Kräfte schwinden und die Angst vor allem Möglichen steigt … Bis es soweit ist, genieße ich mein Mittelalter mit allen Vorzügen gegenüber der Zeit, als ich zwar putzmunter, aber noch grün hinter den Ohren war. 

In guter Erinnerung

Mein Sohn fliegt bald nach Sambia und besucht dort Freunde. Ein Koffer ist für „Mitbringsel“ eingeplant – teilweise nach Bestellung. Unter anderem dabei ist Rum-Trauben-Nuss-Schokolade. Ich mag genau diese Geschmacksrichtung nicht besonders und kann mir kaum vorstellen, dass jemand diese präferiert. Und doch habe ich die Tafeln mit einem Lächeln gekauft: Sie erinnern mich an meine Mutter – die uns genau diese Sorte oft schenkte. Wahrscheinlich konnte sie sich kaum vorstellen, dass jemand genau diese Geschmacksrichtung nicht mag … 

Vergessen vs. verdrängt

Eine Freundin, die sonst immer an mich denkt, meldet sich nicht zu meinem Geburtstag. Zwei Wochen später schickt sie mir eine WhatsAPP: „Das kann ja wohl nicht wahr sein – ich habe micht rechtzeitig an deinen Geburtstag gedacht. Es tut mir leid, und ich kann mir das selber nicht erklären. … Ich melde mich auf diesem Weg, aber es folgt auch noch ein Brief.“ 

Ein Freund, der sonst immer an mich denkt, meldet sich nicht zu meinem Geburtstag. Sechs Wochen später schickt er mir eine WhatsApp: „Ich bin´s, der manchmal treue und in letzter Zeit nachlässige Freund. Seit sechs Wochen will ich dir schreiben, habe das Projekt immer wieder verschoben und heute abgewählt. Stattdessen gratuliere ich auf diesem Weg. … Freu dich über meine Zeilen und vergib mir meine Säumigkeit.“

Beide Nachrichten beinhalten dasselbe – selbst die Wortwahl ist sehr ähnlich. Und doch reagiere ich unterschiedlich. Ich hatte mich bei beiden erst über ihr Schweigen gewundert. Die verspätete Nachricht meiner Freundin rührt mich; natürlich vergebe ich ihr und freue mich sogar über ihre Nachricht: Sie hat meinen Geburtstag (mich?) nur vergessen. Die verspätete Nachricht meines Freundes irritiert mich; natürlich vergebe ich ihm und bin aber doch gekränkt: Er hat meinen Geburtstag (mich?) wochenlang verdrängt. 

Vom Zufallen

Wir reden von Zufall, wenn wir jemanden treffen, mit dem wir nicht gerechnet hatten. Wenn etwas zufällig – und vielleicht wider Erwarten – doch funktioniert, freuen wir uns; und so manch wissenschaftlicher Durchbruch ist ein Zufallsfund. „Was für ein Zufall!“, sagen wir in solchen Fällen – und meinen es fast immer positiv: Uns fällt etwas zu, gänzlich unerwartet und unverdient und wir können gut damit leben, dass niemand dafür verantwortlich zu sein scheint.

Wenn wir jemanden verpassen, etwas nicht funktioniert oder wir uns einfach nicht einigen können, ist das wahrscheinlich ebenso zufällig. Auch das Missgeschick fällt uns zu, gänzlich unerwartet und unverdient. Allerdings macht uns diese Art des „uns-zu-Fallens“ eher ärgerlich als froh: Fast wünschten wir uns jemanden, den wir dafür verantwortlich machen können …

Gute Arbeit?

Viele Jahre war ich zu Hause beschäftigt und ausgelastet. Es war erfüllend und gleichzeitig anstrengend, inklusive gewisser Zwänge, nur ohne Chef oder Kollegen. Die meisten würden das nicht Arbeit nennen (entsprechend verdiene ich kein Geld), aber Nichtstun trifft es auch nicht. Oft dachte ich: Was ich mache, kann jeder. Und trotzdem habe ich in diesen Jahren vor allem in meiner Familie sehr individuelle Spuren hinterlassen. Niemand sonst hätte meine Rolle so ausfüllen können wie ich.

Seit einige Zeit bin ich offiziell beschäftigt. Auch das ist erfüllend und gleichzeitig anstrengend, inklusive gewisser Zwänge und mit Chef und Kollegen. Niemand spricht mehr von Nichtstun; ich arbeite (und verdiene Geld). Wenn ich meinem Arbeitsumfeld glauben kann, mache ich meinen Job sehr gut. Und doch weiß ich: Jede andere mit einer ähnlichen Arbeitsethik und ähnlichen Gaben könnte den Job auch machen.

Mein Hausfrau- und Mutter-Sein hatte insofern eine größere Bedeutung, als ich darin schwieriger zu ersetzen gewesen wäre – wenn überhaupt. Auch mich selbst hat wohl nichts so nachhaltig geprägt und vorangebracht wie diese Zeit. Aber erst durch meinen „richtigen Job“ wird mir bewusst, was ich alles kann.

A memory

Decades ago my family got a visit from a young man from Stoke-on-Trent in England. He had met my sister some months earlier in Bulgaria where they both traveled around for some weeks. I still remember his visit, after all this years: a lean and very polite guy. I will never forget him being very British, very reserved, and speaking very accentuated English. 

In a monthly newsletter from a little enterprise in England I just read: „We´re keen supporters of UK manufacturing and our mugs continue to be 100% made in the UK by a family firm in Stoke-on-Trent.“ Immediately I think of this man – not remembering his name, but his very britishness.

Legendär durch Bewegung

Diese Woche nutze ich die App, mit der ich normalerweise mein Laufen „messe“, auch für meine im Alltag anfallenden Wege: mit dem Rad zur Arbeit und zurück, Spaziergänge mit und ohne Mann, Einkäufe mit dem Rad … Es interessiert mich, wie viel ich mich aus eigener Kraft von A nach B bewege.

Es kommt einiges zusammen – und im Nebeneffekt bin ich schon wieder eine „local legend“. Dass das schnell geht, weiß ich noch vom letzten Mal: „Local legend von Haberwinkel“, hieß es damals. Diesmal reichten vier Fahrten durch einen Teil der Burgstraße. Interessanterweise ist diese außerhalb der Ferien der tägliche Schulweg für hunderte Schüler in unserer Stadt: lauter lokale Legenden – offensichtlich ein ebenso leicht erreichbarer wie vergänglicher Status.