Verschiedene Sprachen

Wir „kommunizieren“ unterschiedlich, selbst wenn wir dieselbe Sprache sprechen. Eine Bekannte von mir lernt zum Beispiel gern neue Leute kennen und merkt sich ihre Geschichten. Ich habe kein so gutes Gedächtnis und bin ehrlich gesagt nur begrenzt interessiert an neuen Kontakten. Lieber rede ich mit Menschen, die ich schon kenne, und vertiefe bestehende Beziehungen. Außerdem schreibe ich manchmal noch lieber einen Brief. Dadurch habe ich eher Zugang zu einem bestimmten Typ Mensch und meine Bekannte zu einem anderen Typ. Eins ist nicht besser als das andere, sondern jeder redet eben, wie ihm „der Schnabel gewachsen“ ist.

Anders frei als erwartet

Noch bei der Arbeit freue ich mich auf einen freien Nachmittag: Einer meiner Söhne kocht und kauft dafür ein. Ich könnte den Kühlschrank auswischen, Unkraut jäten oder einfach nur lesen. Zu Hause werfe ich einen Blick in die Zeitung und will dann fix den Rest einer Bachelor-Arbeit Korrektur lesen. Als ich nur noch zehn Seiten vor mir habe, klingelt das Telefon – meine Tochter ist in Gesprächslaune. Eine Stunde später lege ich auf und flitze zur Post, um einen Brief einzustecken. Auf dem Rückweg komme ich am Haus unseres Nachbarn vorbei und denke, dass ich ihm noch kurz nachträglich zum Geburtstag gratulieren könnte. Ich bin herzlich willkommen und kann mich erst eine weitere Stunde später loseisen – genau pünktlich zum Abendbrot mit meiner Familie. „Wollen wir noch eine Runde drehen?“, fragt anschließend mein Mann. Gern, denke ich, dann setze ich mich erst danach wieder an die Korrektur-Arbeit.

Jetzt ich sitze auf dem Sofa, es ist fast neun Uhr, der Tag ist gelaufen. Ich bin müde, obwohl ich weder den Kühlschrank ausgewischt, das Unkraut in der Auffahrt beseitigt oder ein Buch gelesen habe. Der freie Nachmittag ist mir zwischen den Fingern zerronnen – und zwar ganz anders als erwartet.

Will ich das wissen?

Gespräche sind dann am interessantesten, wenn sie persönlich werden. Das schafft Nähe und Vertrauen und erweitert unseren Horizont. Auch wenn Prominente zum Beispiel in Talkshows oder Interviews etwas Privates preisgeben, machen sie sich nahbar. Selbst weltbekannte Berühmtheiten sind eben Menschen und müssen Kinder erziehen, an ihrer Ehe arbeiten und haben manchmal keine Lust auf ihre Jobs. Wir schätzen diese Augenhöhe. Außerdem ist es interessant, wie „berühmter Mensch“ und „normaler Alltag“ gemeinsam funktionieren oder eben nicht.

Allerdings geht solcherart Vertraulichkeit meiner Meinung nach manchmal zu weit: und zwar in Bezug auf intime Details. Es scheint als modern und mit der Zeit gehend zu gelten, explizit und ungefragt über sexuelle Vorlieben und Erfahrungen zu sprechen und dabei keinerlei Scham zu empfinden. Jedoch entsteht hierdurch weder Nähe noch erweitern derartige Erfahrungen meinen Horizont. Geht es nur mir so, dass ich bestimmte Enthüllungen gar nicht hören will? Wie peinlich, denke ich, wenn jemand öffentlich derart nach Aufmerksamkeit schreit.

Mach´ mal!

„Wir müssen mal wieder den Keller aufräumen“, nuschelte ich früher unklar vor mich hin, bevor Friedemann Schulz von Thun in unseren ehelichen Dialog trat. Heutzutage greife ich in solchen Fragen gern zu einem eindeutigen: „Mein Schatz, könntest du bitte …?“ Mein Mann dankt es mir und antwortet bisweilen mit einem ebenso klaren „Gern, aber nicht heute.“

Derart kommunikations-sensibilisiert reagiere ich skeptisch darauf, wenn ein „Wir“ eher übergriffig als gemeinschaftsfördernd klingt. Denn: Für wen kann ich sprechen? Selten für große Gruppen. Politiker machen das immerzu – Redner auf Demonstrationen ebenfalls. Oft liegen sie falsch.

Nebeneffekt

„Um den Garten musst du dich nicht kümmern“, hatte meine Nachbarin gesagt, als sie mich bat, die Pflanzen im Haus während ihres Urlaubs zu gießen: „Nur die Hortensien vielleicht“, ergänzte sie, „um die wäre es schade.“ Das ist kein Problem für mich; immer mal wieder hilft mir ein Regenschauer. Neben den Hortensien fallen mir zwei andere Pflanzen auf: ein Hibiscus und ein Exemplar, dessen Namen ich nicht kenne. Um beide wäre es ebenso schade, finde ich, und wässere sie mit. Ich würde mich freuen, wenn auch sie den Urlaub der Nachbarn blühend überlebten – ganz egal, ob diese es merken oder nicht.

Ein kurzer Moment alberner Zufriedenheit

Ich muss meine Vorräte auffüllen, nehme aber keine ganzen Gebinde mit. Weil ich Primzahlen mag, schnappe ich mir siebenmal Kaffeesahne und elfmal passierte Tomaten. Natürlich habe ich noch Reste zu Hause: Am Ende stehen schrecklich gut teilbare zehn beziehungsweise zwölf Packungen im Regal. Aber beim Einkauf bereiten mir die krummen Zahlen eine kindische Freude.

Männer

Es ist schwer geworden, ein Mann zu sein. Jedenfalls kommt es mir so vor, als hätten sich die Ansprüche an Männer sehr gewandelt in den letzten Jahrzehnten. Bei Herbert Grönemeyer kamen sie noch deutlich besser weg: „Männer nehm´ in den Arm, Männer geben Geborgenheit“, sang er lautstark, und niemand regte sich auf. Demgegenüber steht heute: „Männer halt“ – meist in eher abfälligem Ton.

Männer reden zu wenig oder zu viel, höre ich in meinem Bekanntenkreis, sie sind unsensibel, nicht kompromissfähig und machen einfach „ihr Ding“. Ohnehin verstehen sie fast nichts – und schon gar keine Frauen – und tun zu wenig dafür, dass das Miteinander funktioniert.

Dabei können Männer an sich gar nichts für all das, was ihnen vorgeworfen wird: Mit dem Sammelbegriff „alter weißer Mann“ im Nacken kann auch ein junges Exemplar jedweder Hautfarbe ziemlich viel falsch und kaum etwas richtig machen.

Mich ärgern diese Pauschalisierungen; ich würde so nie über meinen Mann und auch nicht über Männer im Allgemeinen reden. Schließlich bin ich als Frau ebenso wenig das perfekte Vorzeige-Modell. Weil ich das weiß, bemühe ich mich um ein weites Herz, das ich selbst so nötig habe und bei vielen Männern erlebe. Nicht nur insofern bekommen die meisten Herr-Schaften das mit dem Mann-Sein noch immer sehr gut hin: allen exorbitanten Erwartungen und oft unberechtigten Vorurteilen zum Trotz.

Unvergleichlich ausgiebig

Weil es momentan sehr heiß ist, wässere ich unseren Garten in den frühen Abendstunden. Manchmal beneide ich diejenigen unserer Nachbarn, die ihre Sprenger automatisch steuern können. Andererseits mag ich es, mich mit dem Schlauch in der Hand von vorn nach hinten durchzuarbeiten – mit oder ohne Muße. Gestern Abend war ich eher eilig und weniger gründlich.

Glücklicher- und für mich überraschenderweise regnete es zu später Stunde gleichermaßen heftig und lange. So ausgiebig wässert nur eine ordentliche Regenwolke, dachte ich. Jetzt habe ich mindestens drei Tage Ruhe.

Du bist´s!

„Eine Seite von mir kennen die dort alle gar nicht“, erzählt meine Tochter. Daran merke sie, wie wenig sie nach einem Jahr tatsächlich angekommen sei an ihrem Studienort. Mich beschäftigt das: Wem gegenüber können und wollen wir zeigen, wer wir wirklich sind?

Es ist immer auch eine Chance, irgendwo zum ersten Mal zu sein: Du fängst neu an, bist noch nicht bekannt für etwas, ein unbeschriebenes Blatt, das du frisch beschreiben kannst. In jeder neuen Gruppe malen wir ein Bild von uns, teilweise unbewusst. Die Leute im Fußballverein lernen die eine Seite kennen, die Mitschüler oder Kollegen eine andere. Bei Nachbarn sind wir bekannt als hilfsbereit und freundlich oder als diejenigen, die nie Zeit haben und ihre Ruhe brauchen.

Dabei wollen wir gern er- und gekannt sein, verstanden und gesehen werden – möglichst umfassend mit all dem, was uns ausmacht. Dafür müssen wir uns sicher fühlen in uns selbst: unsere Schwächen ebenso akzeptieren wie unsere Stärken. Beides gleichermaßen zu offenbaren, ist nur dann möglich, wenn wir vertrauen, dass Menschen uns auch dann noch mögen und schätzen.

Eine andere Welt

Jetzt im Sommer, wenn´s richtig heiß ist und jeder schwitzt, frage ich mich, wie es wohl früher war – vor täglichem Duschen, Deo und Parfüm. In einem historischen Roman, den ich gerade zum zweiten Mal gelesen habe, wird das am Rande thematisiert: die mangelnde Hygiene und die Krankheiten, die damit einhergingen. Die Autorin beschreibt fehlende Latrinen, Ratten überall und Menschen, die wegen der harten Arbeit Wasser vor allem trinken, sich aber nicht damit waschen. Ich wundere mich ob der Gepflogenheiten und Traditionen – und ein wenig rümpfe ich auch die Nase.

Die Vergangenheit ist eine Zeit, über die wir viel wissen. Wie es wirklich war damals, davon haben wir keine Ahnung: wie Menschen geprägt und begrenzt waren durch Umstände und Gepflogenheiten, was sie dachten und fühlten, was ihnen wichtig war. Wir wissen ja nicht einmal, wie es damals roch! Es war eine andere Zeit und eine andere Welt. Wir mögen besser riechen – klar, aber davon sollten wir nicht ableiten, wir heute wären denen von damals in jeder Hinsicht überlegen.