Lokale Legende

Meine Laufrunde ist immer gleich; nur manchmal hänge ich noch eine Schleife dran. In den letzten Tagen habe ich das öfter gemacht, weil ich dadurch am Briefkasten vorbeikam. Die extra Strecke trägt den schönen Namen Haberwinkel – mit Straßenschild. Meine Lauf-App kürte mich deshalb kurzerhand zur „Local Legend von Haberwinkel“. Allerdings müsse ich aufpassen, dass mir diese Krone niemand wegnehme, steht da noch …

Mir sind in der App schon einige Male andere Lokale Legenden vorgeschlagen worden, meist mit dem diffusen Nachsatz „in deiner Nähe“. Bisher hatte ich zumindest ansatzweise eine gewisse Ehrfurcht vor der vermeintlichen Leistung dieser Leute: Eine Legende wird man nicht einfach so, dachte ich. Jetzt, da ich selbst eine bin, ist es mir eher peinlich. Ich hoffe, ich werde anderen App-Nutzern nicht als „Local Legend von Haberwinkel“ angezeigt. Denn das ist ausgesprochen lächerlich. Der Haberwinkel ist 0,49 Kilometer lang und wird von vielen anderen sicher häufiger durchquert als von mir. Ich hoffe, der eine oder andere von ihnen nutzt dieselbe Lauf-App wie ich. Gern trete ich den Titel wieder ab. Damit das gelingt, tue ich das Naheliegende: Ich suche mir eine namenlose extra Strecke.

(Un)fassbar

Wir wissen, dass Prüfungen schiefgehen können. Rein rational ist das fassbar. Tatsächlich durchzufallen, kommt dann meist unfassbar überraschend. Wir müssen uns mühselig damit arrangieren. Bei einem zweiten Versuch rechnen wir eher als beim ersten Mal damit, dass wir scheitern. Entsprechend sind wir über Gebühr unsicher und aufgeregt. Wie schön, wenn es dann doch klappt: Wir sind unfassbar erleichtert.

Es gibt einen feinen Unterschied zwischen dem Wissen, was möglich ist, und dem, was sich in uns abspielt, wenn wir etwas schon einmal erlebt haben. Er ist schwer in Worte zu fassen und nennt sich Erfahrung.

Gemeinsam unterwegs

Mein Mann gibt mir eine wunderbare Idee mit für meine Arbeit. „Mein Name spielt dabei keine Rolle“, sagt er. Zum einen verzichtet er gern auf das Lob, das er dafür bekommen könnte; zum anderen weiß er, dass es manchmal nicht hilfreich ist, die Quelle eines guten Rates zu nennen: Mancher reagiert verhalten, wenn ein Außenstehender sich „einmischt“.

Wie dem auch sei: Der Name meines Mannes mag in diesem Fall unwichtig sein. Aber sowohl seine Sicht auf Dinge als auch sein bisweilen sehr bewusstes In-den-Hintergrund-Treten inspirieren mich immer wieder – und spielen eine Rolle dafür, wer und wie ich bin. Im Idealfall wirkt sich diese positiv aus und gilt das umgekehrt ebenso.

Ich bin reich!

Im Kiosk mit Post-Tresen kauft eine Frau Geschenkpapier und eine Stange Zigaretten. Knapp 100 Euro zahlt sie dafür – mir bleibt die Luft weg. Wie schön, dass ich nicht rauche: Ich bin reich!

Von wem sie das wohl hat …

Meine Tochter kommt klatschnass aus dem Stall. Es dauert, bis sie sich das nasse Zeug vom Körper gezogen hat. „Zieh die Hosen doch einfach durch“, rate ich ihr deshalb, aber sie schüttelt den Kopf: „Ich mag das nicht.“ 

Zwei Tage später gerate ich beim Laufen in einen Regenschauer. Als ich mir zu Hause gedankenlos, mühselig und ohne Durchziehen die nassen Leggings von den Beinen pule, denke ich: Like mother, like daughter.

Magst oder willst du fahren?

Ich fahre gern Auto (und auch ganz gut), aber früher hatte ich mehr Spaß dabei. Mein Mann fährt lieber, so dass ich ihm häufig das Steuer überlasse. Damit ich nicht vollkommen aus der Übung komme, sage ich manchmal: „Heute fahre ich!“ Meist merke ich dann, dass ich doch gern Auto fahre (und auch ganz gut). Aber was mich motiviert, ist selten der Spaß daran, sondern eher der Wunsch, im Training zu bleiben.

Brauchst du Hilfe? Nur manchmal!

Es ist keine Schwäche, sich Hilfe zu suchen, wenn man allein nicht weiterkommt. Die Frage ist, wann das der Fall ist. „Ich kann allein eine ganze Menge“, sagt meine Tochter. Das ist eine gute Basis, denke ich, und darauf aufbauend wird sie erleben, dass noch eine ganze Menge mehr geht, als sie vorher dachte. Man tut sich selbst einen Gefallen, erstmal selbst zu versuchen. Ich jedenfalls hätte nie entdeckt, was ich alles schaffen kann, wenn meine erste Alternative der Schrei nach Hilfe gewesen wäre.

Nicht fertig

Unser Garten ist groß und pflegeleicht angelegt. Jedes Jahr im Frühling denken wir, dass wir „dieses Jahr“ nicht mehr so viel machen müssen wie früher, um den Ist-Zustand zu erhalten. Jedes Jahr im Frühsommer merke ich, dass das nicht stimmt. Der Garten überrascht mich immer wieder: hier und dort und da mit dem Wachstum neuer Pflänzlein, die sich schneller ausbreiten, als mir lieb sein kann. Jedes Jahr im Herbst bekomme ich langsam wieder die Kontrolle – vor allem weil die Wachstumsperiode endet. Jedes Jahr im Winter vergesse ich alle Überraschungen des Frühjahrs und fiebere dem Moment entgegen, wenn draußen wieder alles wächst und grünt.

Heute dauert das Unkrautjäten länger (wie immer), weil ich in einer Ecke des Gartens fündig werde, die ich vorab gedanklich „nur kurz durchgehen“ wollte. Ich beweise Mut zur Lücke (wie immer) und jäte so gründlich, wie ich muss, und nicht so gründlich wie möglich. Anders geht es nicht; zu sehr sind Pflanzen, die ich will, verwachsen mit denen, die ich nicht will. Sonst werde ich nicht fertig, denke ich, und plötzlich verstehe ich: Ein Garten ist kein Ort, an dem man jemals fertig oder mit irgendetwas fertig werden kann. Das Unkraut wird nicht restlos verschwinden; auch während ich es rausreiße, werde ich nicht damit fertig. Mein Garten wird ewig unvollendet bleiben – wie entlastend.

Ich habe die Wahl!

Irgendwo habe ich gelesen, dass es die kleinen Entscheidungen sind, die dem Leben eine Richtung geben. Oder so. Tägliche Routinen, die unseren Geist und Körper formen. Deutlich wird es mir bei der Frage, ob ich das Auto nehme oder das Rad. Wähle ich die bequeme, einfache Variante oder die unbequeme und beschwerliche? Fast immer fahre ich mit dem Rad; nur selten bereue ich es hinterher. Ich tue etwas für mein Immunsystem und für meinen Kreislauf, spare das Geld für Sprit und schone die Umwelt. Deshalb streife ich mir auch heute die Regenhose über und radele zum Spargelkaufen in die nächste Ortschaft. Als ich losfahre, nieselt es nur leicht, mit jedem halben Kilometer wird es heftiger. Erst als ich wieder zu Hause bin, hört der Regen auf – logisch.

Ich hätte das Auto nehmen können. Dieses eine Mal hätte weder meinem Immunsystem noch meinem Kreislauf geschadet; das Geld für den Sprit – eine Kleinigkeit. Manchmal tue ich es auch; aber heute war es gut, trotz des durchwachsenen Wetters mit dem Rad zu fahren. Bequem werde ich von allein, träge und passiv auch. Es braucht viele kleine Entscheidungen gegen den inneren Schweinehund, um aktiv und widerstandsfähig zu werden und zu bleiben.

Was mich motiviert

Regeln begrenzen meine Freiheit; manche leuchten mir ein, manche nicht. Letztlich akzeptiere ich auch die Grenzen, die mir nicht gefallen: entweder weil ich Strafen für Fehltritte fürchte, oder aus Liebe zu demjenigen, der die Regeln macht. Letzteres ist die deutlich stärkere Motivation.