Musik verbindet

Bei der Arbeit besuchen uns zwei musizierende Frauen: Beide studieren in Hannover und spielen ganz ausgezeichnet Violine. Eine stammt aus der Ukraine, die andere aus der Türkei. Sie harmonieren wunderbar – musikalisch und persönlich: „Wir sind sehr dankbar füreinander“, sagt die eine, „wir haben hier keine Familie, aber wir haben uns.“ Wie schön, dass sie sich durch ihre Freundschaft hier in Deutschland ein bisschen zu Hause fühlen können. 

Stur oder unbelehrbar

„Eine Besteckschublade kommt mir nicht ins Haus“, sagt eine Kollegin, „diese Sortiererei mag ich nicht.“ Alle Einwände, dass man irgendwann sortieren müsse, nützen nichts: Beim Einräumen des Geschirrspülers fehle ihr dazu die Geduld – es klingt stur. Ich bin in der Hinsicht leidenschaftslos und komme mit oder ohne Besteckschublade zurecht. Aber ich gebe zu, dass mir ihre Vehemenz an sich vertraut ist. Sie erinnert mich an die Wasserscheide zwischen Automatik- und Schaltgetriebe. „Einmal Automatik, immer Automatik“, heißt es oft: wie praktisch das sei, vor allem im Stadtverkehr oder auf der Autobahn im Stau. Mag sein, denke ich dann und bleibe doch unbelehrbar: Ein Automatikwagen kommt mir nicht in den Carport!

Alle Jahre wieder … 

Im Frühling tut sich erst lange nichts. Dann aber grünt, wächst und blüht es selbst in unserem Garten. Überall und flächendeckend: der Vorteil von Bodendeckern. Der Blick auf all das Gelb und Blau ist wunderbar und irgendwie beruhigend. Ohne großes Zutun von unserer Seite, schenkt Gott alle Jahre wieder neues Leben.

Eine Frage des Respekts

In der Mediathek läuft eine Doku über Polizeiarbeit in einer deutschen Großstadt. Es geht nicht um Mord und Totschlag, sondern um andere Delikte. Zum Beispiel befreien Beamte einen Schwan von einer Angelsehne. Ein anderes Team überprüft einen Busfahrer, der mindestens einen Unfall verursacht hat und angeblich alkoholisiert ist. Wie sich herausstellt, spricht der Busfahrer kaum Deutsch und ist tatsächlich mit 1,7 Promille unterwegs. Entsprechend nehmen die Beamten ihn mit auf die Wache. Sie reden ruhig mit ihm, freundlich und respektvoll. Die einzige Frau im Team ist ebenso ruhig und freundlich, duzt den Mann aber. Ich frage mich, warum: weil er ein Alkoholproblem hat oder weil er unsere Sprache nicht spricht? Wie ruhig und freundlich wäre sie wohl, wenn er sie ebenfalls duzen würde … 

Einfach so ist nicht so einfach

Ich bringe das Auto in die Werkstatt und komme auf dem Rückweg bei einer Freundin vorbei. Spontan klingele ich. Sie öffnet erst spät und dann zögerlich. „Ich muss gleich weg und habe keine Zeit“, sagt sie – was völlig verständlich und unproblematisch ist. Schließlich bin ich nicht angekündigt und muss damit rechnen, dass es nicht passt. Nur ihr sehr neutrales Gesicht irritiert mich: Sie scheint sich kein Bisschen zu freuen, mich zu sehen, geschweige denn zu bedauern, dass sie keine Zeit hat. Schade.

Unsere Begegnung an der Haustür wirft sofort die Frage auf, ob sie irgendein Problem mit mir hat. Habe ich mich zu lange nicht gemeldet oder: Ist es ihr nicht recht, wenn ich einfach so vor der Tür stehe? Ich weiß es nicht und muss mich zwingen, darüber nicht länger nachzugrübeln. Ich bin unangekündigt – sie hat keine Zeit. Das ist schade, aber nicht zu ändern und hat nichts mit unserer Beziehung zu tun. Fertig.

Selbst wenn ich mental einen Haken an diese Erfahrung machen kann, ist es emotional nicht ganz so einfach: Es wird mir in Zukunft schwerer fallen, einfach so bei ihr zu klingeln.

Aller Anfang ist schwer?

Eines unserer Dienst-Autos ist vollelektrisch und zusätzlich mit allerlei Schnickschnack ausgestattet. Wie schnell ich fahre, kann ich unter anderem in der Windschutzscheibe ablesen; mein Sitz lässt sich elektronisch nach vorn und oben bewegen; während der Fahrt massiert mir die Rückenlehne – den Rücken. Außerdem piept es, wenn ich mich einem Hindernis nähere, und beim Rückwärtseinparken hilft mir eine Kamera. „Solltest du auf den Seitenstreifen kommen, lenkt das Auto allein zurück“, warnt mich meine Kollegin, „du musst gegenlenken.“

Abgesehen davon fährt das Auto wie jedes andere auch und ist dabei deutlich komfortabler und PS-stärker als das, was ich privat gewohnt bin. Ob´s mir Spaß gemacht hat, fragt mich mein jüngster Sohn, als ich von dieser Ersterfahrung berichte. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich es nicht. Es fährt sich leicht, ja. Ich muss weder schalten noch großartig aufpassen. Andererseits bin ich per se kein Fan von Elektro-Autos, und die elektronischen Spielereien erscheinen mir vor allem übertrieben. Insofern bin ich skeptisch und verhalten. Confirmation bias nennt mein Mann das: Meine Voreingenommenheit wird durch den ganzen überflüssigen Kram nur bestätigt und der Fahrspaß überlagert. Bevor ich das Auto in Bewegung setzen konnte, brauchte ich eine Weile, das Radio auszuschalten und den Sitz zu verschieben: Warum einfach, wenn´s auch umständlich geht. Ich kam mir vor wie ein Anfänger – und das ist ja selten eine nur spaßige Angelegenheit.

Pflegeleicht(er)

Nach dem ersten Unkrautjäten dieses Jahr war ich begeistert und entspannt, weil „unser Garten so pflegeleicht ist“. Zwei Wochen sprießt und blüht das Immergrün – jeden Tag ein bisschen mehr. Mein Mann buddelt Bodendecker hier aus und dort ein, um Lücken zu schließen. Ich gehe mit, schau mich um und entdecke eine ganz neue Variante Grünzeug: kleinblättrig, nur lose mit dem Boden verbunden, leider flächendeckend. Als gäb´s nichts Schöneres für einen frühlingshaften, durchaus Terrassen-geeigneten Samstag, mache ich mich an die (Garten-)Arbeit: „Ich fürchte, das Zeug wird mich dieses Jahr noch ein paar Mal beschäftigen.“ Mein Mann findet mich berufspessimistisch und hilft. Weil es schon deutlich länger hell ist, bleibt danach tatsächlich noch Zeit für die Terrasse. Unser Garten ist vielleicht noch nicht pflegeleicht, aber pflegeleichter als früher – was will ich mehr?

Status

Bei einem „Instant-Messanging-Dienst“, den ich benutze, stellen Menschen Informationen in ihren Status: wo sie sind, was sie machen, wie es ihnen geht, was ihnen wichtig ist. Ich staune über dieses Sendungsbewusstsein in Form von Bildern und Standpunkten – beides oft ohne jeglichen Mehrgewinn für diejenigen, die zufällig denselben Dienst nutzen. Das zeitigt manchmal merkwürdige Blüten.

Ich mietete vor einigen Jahren ein Ferienhaus und habe die Nummer der Vermieterin – und sie meine. Kürzlich wurde diese Dame 70 Jahre alt und lud offenbar einige ihrer Kontakte dazu ein. Zufällig und sicher aus Versehen rutschte ich in diesen Verteiler und nehme seither aus großer Ferne teil an ihrem Leben: ihre Geburtstagseinladung, ihr anschließender Dank an alle Gäste, ihre bildreichen Berichte von einer Reise … und ihre regelmäßigen Status-Meldungen.

Letztere habe ich blockiert. Die ab und zu in die Runde geworfenen, sehr allgemein gehaltenen Neuigkeiten erhalte ich weiterhin. Allerdings interessieren mich die Schnappschüsse aus ihrem Leben noch weniger als die von Menschen, die ich persönlich kenne. Anfangs war es lustig; der Einblick in diese Form der einseitigen Kommunikation war befremdlich, aber interessant. Einige Wochen später ist der Status quo unserer Verbindung weniger lustig als peinlich. Ich fühle mich ein wenig schuldig, dass ich mich nicht sofort gemeldet und die Sache geklärt habe. Wie gehe ich jetzt um mit diesem sicherlich unbeabsichtigten Datentransfer? Ich weiß es nicht. 

Verblasst

Die „geerbten“ Bettlaken aus dem Schrank meiner verstorbenen Eltern duften: nach einem anderen Waschmittel und doch irgendwie vertraut. Ich denke jeden Abend beim Ins-Bett-Gehen an meine Mutter.

Anderthalb Wochen später bin ich unerwartet betrübt: Mich beschäftigen all die Gespräche, die wir aus verschiedenen Gründen nie hatten und nun nie mehr haben werden. Ich gehe ins Schlafzimmer und merke, dass der Geruch verflogen ist – leider. Die Erinnerungen an meine Eltern werden mit der Zeit ebenso verblassen. Zwar ist die Endgültigkeit des Todes rational klar, emotional bleibt sie gewöhnungsbedürftig. Heute gewöhne ich mich schwerer daran.

Humor

Wenn ich nachts das Toilettenpapier leer mache, lass ich die Papprolle gern im Bad liegen. Mein Mann findet das nervig. Weil sich neckt, was sich liebt, platziere ich die leere Rolle gern extra freundlich für ihn: auf seiner Zahnbürste zum Beispiel. Meist wirft er sie dann in den Papiermüll.

Gestern aber fand ich eine leere Rolle in einem meiner Socken und deponierte sie dann fröhlich in seinem Schuh. Heute Morgen entdeckte ich sie beim Einkaufen im Kleingeldfach meines Portemonnaies – und musste auf dem Heimweg immer wieder laut auflachen.

Natürlich habe ich mir ein weiteres Überraschungsversteck überlegt und freue mich schon darauf, wann und vor allem wo die Rolle wieder bei mir landen wird. Irgendwann ist dann mal gut, aber noch freue ich mich sehr darüber, wie diese kleinen Gesten den Alltag bereichern.