An der Supermarktkasse steht hinter mir ein Ehepaar. Es wartet darauf, seine Einkäufe aufs Band legen zu können. Ich lege einen Trennstab hin und gehe ein bisschen aus dem Weg. Die beiden rücken vor – und mir auf die Pelle. Dort bleiben sie, bis ich bezahlt habe. Ich spüre förmlich ihren Atem in meinem Nacken und tatsächlich ihren Einkaufswagen an meinen Beinen. Sie meinen´s nicht böse, sind nur im Tunnel: Da wird korrekt sortiert und nachdrücklich aufs Band gelegt: dicht an dicht. Ihre Waren liegen so nah an meinen, wie sie selbst mir nahe sind. Und doch haben wir nichts miteinander zu tun. Für dieses Ehepaar bin ich ein Störfaktor – jedenfalls fühle ich mich so. Ein abzuwartendes Hindernis hin zum eigenen Bezahlvorgang. Nur dass die beiden nicht geduldig abwarten, sondern ungeduldig schnell darauf hoffen.
Geduldig langsam
An der Supermarktkasse steht vor mir ein alter Mann. Er ist sehr unsicher auf den Beinen und stabilisiert sich mit Hilfe seines Einkaufswagens. Sehr langsam packt er seine Einkäufe aufs Band. Als der Kunde vor ihm abzieht, rückt er mühselig an der Kasse vor. Der Kassierer ist ein sehr junger Mann, wahrscheinlich noch in der Ausbildung. Er fängt in seinem normal zügigen Kassier-Tempo an – und wird dann sehr schnell sehr viel langsamer. In aller Ruhe scannt er ein und schiebt die Waren hin zu dem alten Mann. Ohne Worte stellt er sich ein auf das, was dieser Kunde braucht: dass seine Einkäufe nicht als Warenhaufen, sondern nach und nach vor ihm auftauchen. Dadurch werden die beiden gleichzeitig fertig, der alte Mann mit dem Einpacken und der junge Mann mit dem Einscannen.
Wie aufmerksam und geduldig! Geduldig langsam!
Zeug
Die Holz-Eule auf dem Regal in meinem „Arbeitszimmer“; die Ordner voll mit Briefen, die mir in den vergangenen Jahrzehnten geschrieben wurden; die kleine Eidechse aus Eisen, die mein australischer Gastvater und Freund für mich geschmiedet hat; der immerwährende Sprüche-Kalender auf meinem Schreibtisch … Viele Dinge in unserem Haus brauche ich nicht und hänge doch irgendwie an ihnen. Dazu kommt all das, was man immer mal gebrauchen kann. Zum Abpolstern von Möbeln bei eventuellen Umzügen sind alte Decken sicherlich gut, auch Dosen in allen erdenklichen Größen sind super praktisch – oder gibt es doch ein „zu viel“?
Letztlich ist jeder Besitz entweder schön, emotional bedeutsam oder praktisch für mich – aber natürlich für jeden anderen: nutzloses Zeug. „Nach mir die Sintflut“ passt für uns nicht, denn davor sind da noch unsere Kinder … Das merke ich im Haus meiner verstorbenen Eltern. Sie waren vergleichsweise gut sortiert und hatten immer wieder entsorgt und ausgeräumt. Trotzdem sind ihre Räume in gewisser Weise voll mit Dingen, an denen nur sie hingen (zum Teil auch aus Gewohnheit). Während ich ihr Zeug sichte, nehme ich mir vor, auch bei uns zu Hause großzügig auszumisten. Platz ist nicht nur dann gut genutzt, wenn er vollsteht. Einiges wirft sich leicht weg und schnell; andere Dinge nehme ich mehrmals in die Hand – und lasse sie dann doch (noch) stehen. Es wird dauern, ja, und wir werden immer wieder neu anfangen müssen. Aber ich bin wild entschlossen, unser Zeug zu reduzieren und dranzubleiben am Leben mit leichtem Gepäck.
Was war und nicht mehr ist
Die Korrespondenz mit meinen Eltern umfasste etwa 35 Jahre meines Lebens: seit ich ausgezogen bin. Hunderte von mir geschriebene Briefe und Postkarten habe ich in den vergangenen Tagen entsorgt. Was mir dabei auch bewusst wurde: Nie wieder wird sich jemand so für mich und mein Ergehen interessieren wie meine Mutter und mein Vater. Auch das ist vorbei.
Was war und was ist
Beim Ausräumen unseres Elternhauses fallen sie mir in die Hände: all die Briefe und Postkarten, die ich meinen Eltern in den vergangenen Jahrzehnten geschrieben habe. Sie sind fein säuberlich nach Jahren sortiert; ich nehme sie mit nach Hause. Ich schrieb oft und über Alltägliches. Durch die Lektüre bekomme ich nachträglich einen Einblick, wie vollgepackt mein eigenes Familienleben war. In meiner Erinnerung waren die Jahre mit fünf kleinen Kindern diffus intensiv – alles halb so wild. Die Briefe dagegen sind konkret: Schulzeugs, kranke Kinder zu Hause oder gesunde Kinder, die sich mit Freunden treffen wollen, für den einen Sport, für den anderen ein Musikinstrument, Schwimmunterricht, Arztbesuche, Verabredungen, Haushalt – fast täglich und sehr viel. Mir wird neu bewusst, wie voll diese Jahre tatsächlich waren. Zwischen den Zeilen lese ich immer wieder, wie dankbar und zufrieden ich dabei war: eine weitere konkrete Bestätigung eines diffusen Gefühls.
Während ich die Briefe jetzt wegwerfe, verabschiede ich mich von den letzten konkreten Zeugnissen der vergangenen Jahre. Das ist in Ordnung. Was war, darf diffus werden; das Heute ist konkret und fordernd genug. Eins bleibt: Ich bin dankbar und zufrieden.
Begegnung in der Heimat
Zeit, das ist es, was der Mensch braucht. Welch schlauer Mensch hat das wohl gesagt? Ich weiß es nicht. Wir brauchen, haben und füllen Zeit. Und manchmal bleibt dann keine zweckfreie Zeit, um „einfach mal“ etwas zu machen: mit Menschen zu reden beispielsweise, die wir zufällig beim Spaziergengehen treffen. Einer von ihnen heißt Torsten und hatte heute ebenso Zeit für einen Plausch am Wegesrand wie ich.
Aus dieser Begegnung wird sicher keine neue Freundschaft. Beim nächsten Mal gibt´s vielleicht nur ein Lächeln und ein wissendes „Guten Tag“; wir werden nicht anknüpfen können an ein relevantes Kennenlerngespräch. Und doch bin ich dankbar für diese zweckfreie halbe Stunde. Etwas davon bleibt – bei mir zumindest: Das Gespräch mit Torsten verstärkt ganz unerklärlich mein Gefühl für Heimat.
Gut geschlafen?
Wenn ich zu spät am Nachmittag noch Kaffee trinke, kann ich abends schlecht einschlafen. Manchmal funktioniert es aber doch; die Chancen stehen 50 zu 50. Mit konsequentem Verzicht wäre ich auf der sicheren Seite. Trotzdem entscheide ich mich manchmal sehr vergnügt für „wird schon klappen“ – gestern zum Beispiel. Was soll ich sagen: Letzte Nacht war eine (sehr kurze) Kaffee-Nacht …
Ich auch
Meine Tochter „mag Aufräumen“. Ihre relativ neu gefundene Leidenschaft inspiriert mich, es ihr gleich zu tun. Also wende ich mich all dem zu, was in den letzten Wochen liegengeblieben ist. Und siehe da: Es macht Spaß, auszumisten, zu sortieren und in bester Frühjahrsputz-Manier durch das Haus zu ziehen. Zwar sieht niemand, dass die Küchenschränke oben staubfrei, der Gefrierschrank grundgereinigt und das Regal in meinem Zimmerchen durchgewischt ist – egal. Ich weiß, was ich weiß. Das reicht manchmal, mir ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht zu zaubern: Auch ich „mag Aufräumen“.
Passend
Da erwähne ich gegenüber meiner Schwägerin, dass ich leider nicht mehr so zum Briefeschreiben komme wie früher. Prompt schickt sie mir ein Buch mit dem vielversprechenden Titel „The correspondent“ – mit einer Briefeschreiberin im Zentrum des Geschehens. Ich freue mich über das anlasslose und unerwartete Geschenk mindestens ebenso wie darüber, dass der Buch-Titel so zu mir passt. Wie schön, dass es Schwägerinnen gibt, die zuhören!
Traumland?
„See you in hell“, lese ich auf der Heckscheibe eines vorbeifahrenden Autos. Spontan denke ich: „I hope not.“
Des Menschen Wille ist sein Himmelreich, sagt man. Manch einer sollte lieber zweimal darüber nachdenken, wohin er sich wünscht …

