Rechte

„Kinder haben ein Recht auf social media“, lautet eine Überschrift in der Zeitung. Der Satz stammt von einem Sozialpädagogen und geht weiter mit „… und auf Informationsfreiheit …“. Vielleicht bezieht er sich damit auf irgendein verabschiedetes Gesetz, das ich nicht kenne.

„Ein Recht auf …“ klingt absolut, als wäre das Recht auf social media ein Grundrecht, das es zu verteidigen und durchzusetzen gilt. Es wäre eine relativ junge Errungenschaft, maximal 20 Jahre alt, schätze ich. Sofort frage ich mich, wie wir Kinder des letzten Jahrhunderts ohne ausgekommen sind – und meine damit auch ausdrücklich die Informationsfreiheit. Manche Neuigkeit ist weder gut noch notwendig für Kinderohren und -Seelen; über die Altersgrenze lässt sich diskutieren.

Niemand stellt in Frage, dass Alkohol und Nikotin nicht geeignet sind für junge Menschen – sicherlich auch nicht eingangs erwähnter Sozialpädagoge. Stoffliche Abhängigkeiten gelten offenbar als schädlich und durch Verbote vermeidbar: Junge Körper sollen davor bewahrt werden; ältere Menschen müssen selbst aufpassen. Auch der Geist von Kindern entwickelt sich noch und ist vulnerabler als der von Erwachsenen. Vor dem Hintergrund verstehe ich nicht, dass virtuellen Süchten so viel mehr Entfaltungsraum gelassen wird.

Kalt und nass

Innerhalb von ein paar wenigen Tagen ist all der Schnee weggetaut, und es ist warm. Mein Sohn spricht schon von Frühling – dazu passt, dass es ausgiebig regnet. Kalt und trocken war vor allem kalt. Warm und nass ist vor allem nass. Interessanterweise nehmen wir das Angenehme kaum wahr; unser Grundgefühl bestimmend ist das, was uns herausfordert.

Eine Begegnung

Einem Impuls folgend besuche ich mit meinem Mann meinem Vater in der Reha. Es geht ihm nicht gut genug, um zu telefonieren. Außerdem möchte ich ihn sehen, auch wenn es zweieinhalb Stunden Fahrt bedeutet.

Vorher bete ich, dass er sich freuen und ruhig sein würde – anders als die Tage zuvor. Sein erster Satz: „Es ist so schön, dass ihr da seid.“ Die Worte sind fast nicht zu verstehen, aber sein Gesicht strahlt. Er bestreitet die Unterhaltung mühelos fast allein, wie früher. Dass ich vieles nicht verstehe, ist in Ordnung; wir verstehen einander doch – der alte hilflose Mann im Bett und seine jüngste Tochter. Er ist ruhig, fast ein wenig schalkhaft, humorvoll und wirkt zufriedener, als ich ihn lange Zeit erlebt habe. Vor allem ist er interessiert an uns und den Kindern: „Das ist doch das Wichtigste, dass es mit den Kindern gut läuft!“ Sein eigener Zustand spielt kaum eine Rolle, vielleicht nimmt er ihn nicht richtig wahr.

Nach einer Stunde wird mein Vater schlagartig müde; wir verabschieden uns. Ich bin dankbar für diese Begegnung, in der so wenig zu spüren war von seiner Unzufriedenheit in den vergangenen Monaten. Am nächsten Morgen kommt die Nachricht, dass er in der Nacht gestorben ist. Ich bin traurig, aber vor allem dankbar – für ein letztes Treffen mit meinem liebenswerten Vater. Ein Impuls, ein Besuch und ganz viel Gnade.

Normal riesig

Unser Familienauto ist groß, ein Bus mit acht Sitzen. Er ist weder komfortabel noch besonders spritzig, dafür praktisch und man hat einen guten Überblick. Das zweite Auto, das wir seit einigen Monaten haben, ist ein mittelgroßer Kombi: das Allerweltauto der 80er Jahre. Es ist bequem und standardmäßig ausgestattet. Allerdings sitzt man in ihm gefühlt nur wenige Zentimeter über der Straße. Letztens stand ich an der Ampel, umringt von riesigen SUVs – die Allerweltautos von Heute. Im Vergleich mit ihnen fühlte ich mich winzig, lahm und ein bisschen wie aus der Zeit gefallen.

Vom Input zum Output

„The kind of food our minds devour determines the kind of person we become.“
(Womit wir unseren Geist füttern, bestimmt, welche Person wir sein werden. )
John Stott

Was wir essen, formt unseren Körper: Zu viel Fett, Zucker und stark weiterverarbeitete Lebensmittel hinterlassen ihre Spuren in Gewicht und Teint. Nicht ganz so deutlich, aber ebenso nachdrücklich wirkt sich das, was wir sehen und hören, aus auf unser Denken, Fühlen und Reden: Bedrohliche Nachrichten machen uns ängstlich, unbarmherzige Videospiele machen uns aggressiv; Bilder von Menschen mit perfekt gestylten Körpern formen unser Selbstbild und das Schönheitsideal, dem wir uns unterordnen. Tückischerweise läuft das schleichend ab, zum großen Teil unbewusst – wir haben nur begrenzt in der Hand, was Informationen mit uns machen. Aber wir können entscheiden, womit wir uns füttern.

Erholsam

Ich habe Urlaub vom Job; sonst läuft alles wie immer. Langweilig ist mir nicht: Der ganz normale Alltag zu Hause – mit Zeit – ist wunderbar. Es sind nur drei Tage, aber diese fühlen sich sehr lang und erholsam an. Urlaub ohne Reisen oder Besuch, ohne Projekt oder Frühjahrsputz … rangiert auf der Erholungsskala ganz weit oben.

Irgendwo dazwischen

„Uns geht´s gut“, schreibe ich Freunden von uns, „wir sind nur müde.“ Es ginge ihnen genauso, schreiben sie zurück und dann: „Vielleicht werden wir alt?“ Ich weiß, sie haben recht. Wir haben den körperlichen Zenit überschritten; fürs Ausreißen von Bäumen reicht es nicht mehr jeden Tag. Aber Alt-Sein als Grund für eine temporäre Wintermüdigkeit? Es fällt mir schwer, das zu akzeptieren: Ich erlebe mich noch nicht als alt, allerdings auch schon lange nicht mehr als jung, sondern irgendwo dazwischen.

Mit einer gewissen morgendlichen Steifheit kann ich ebenso leben wie damit, dass ich nachts lieber schlafe als lese, Briefe schreibe oder feiern gehe. Die Erinnerung an meine frühere, nimmermüde Belastbarkeit verblasst immer mehr – als hätte ich mir meine Kräfte schon immer einteilen müssen. Natürlich verschiebt sich mein Alter immer mehr von jung zu alt, so dass ich irgendwann morgens aufwachen und plötzlich alt sein werde. Wie auch immer sich das dann anfühlen wird: Bis es soweit ist, erlebe ich mich weiter ganz vergnügt irgendwo dazwischen.

So lernen die alle nix

In einem Artikel über Bildung kommt eine Frau zu Wort, die am liebsten das Schulsystem in Deutschland reformieren möchte. Kinder bräuchten etwas anderes als dozierende Lehrer. Es müsse „mehr Abenteuer“ dabei sein, wenn ein Kind etwas lernen soll. Und dann erklärt sie, wie man Aufgaben spannender gestalten könnte …

Wieder ruft jemand nach einer Schulreform – ich lese davon nicht zum ersten Mal. Motiviert sind diese Reform-Forderer meistens durch die meiner Meinung nach ziemlich überhebliche Überzeugung: „Wenn es weitergeht wie bisher, lernen die alle nix.“ Als wären wir alle doof, die wir früher zur Schule gingen – ohne Abwechslung und mit viel Wiederholung. Als wäre den Kindern und Jugendlichen heute nur noch ein Lernen zuzumuten, das einen direkten Bezug zum eigenen Alltag hat. Als wäre es realistisch, dass alles, was man im Leben braucht, sich im Vorbeigehen und spielerisch lernen ließe.

Vielleicht bin ich zu unkritisch oder zu wenig „im Thema“, auf jeden Fall aber nicht nachhaltig geschädigt durch meine Schulzeit. Stattdessen denke ich dankbar an meine Lehrer, die sich geduldig und kompetent meiner Bildung gewidmet und mein (mir manchmal unbequemes) Mittun daran immer wieder eingefordert haben. 

In Ordnung

„Ist es in Ordnung, wenn ich nur direkt vor der Tür Schnee wegfege?“, fragt mich mein Mann, kurz bevor er zur Arbeit fährt. Ich überlege eine Millisekunde und antworte dann mit: „Ja.“ Hinterher merke ich, dass meine Reaktion etwas voreilig war. „Es kommt darauf an, was du hören möchtest“ wäre ehrlicher gewesen – oder sogar ein „Nein“.

Beides sage ich in dem Moment aber nicht. Wieso? Mein Mann ist auf dem Sprung und eine zügige Antwort vonnöten. Eine solche kommt bei mir aus dem Bauch heraus – und da „liegen“ die Bedürfnisse anderer eben sehr oft über meinen eigenen. Außerdem meine ich, seiner Formulierung zu entnehmen, welche Reaktion er bevorzugen würde.

Letztendlich ist es natürlich „in Ordnung“, dass ich selbst den restlichen Schnee wegschippe. Ich kann später zur Arbeit und finde gekehrte Wege auch wichtig und angenehm. Nur als mein ebenfalls Schnee schaufelnder Nachbar mich fragt, ob ich keine Kerle zu Hause hätte, muss ich lächeln.

Respekt

In einem Klamotten-Laden duzt die Verkäuferin an der Kasse die Kunden, die bezahlen wollen. Die Dame vor mir ist in meinem Alter und akzeptiert stillschweigend. Auch mich fragt die sehr junge Frau: „Möchtest du eine Tüte?“ Ich verneine und frage zurück, ob es Firmenphilosophie sei, jeden Kunden zu duzen. Sie wird rot und erklärt stammelnd, sie würde ihre Kollegen ja auch duzen. Weil es mich wirklich interessiert, frage ich noch einmal, ob das eine Vorgabe sei. Schließlich würde sie mich auf der Straße sicher nicht duzen.

Die Verkäuferin druckst herum, wechselt sofort zum Sie – und ist dabei ein ganz bisschen pampig: „Möchten SIE eine Tüte?“ Ich lehne wieder ab, nehme meinen Bon und verabschiede mich.

Bin ich kleinlich, frage ich mich auf dem Weg nach Hause, oder sogar spießig? Wenn ja: Macht mir das etwas aus? Nö. Ich mag es einfach nicht, wenn Leute mich gnadenlos niederduzen, nur weil ich bei ihnen einkaufe. Es hat weniger mit dem Alter zu tun, dafür mehr mit Respekt. Andere mögen das altmodisch finden oder überholt; für mich persönlich gehört zum Du eine gewisse persönliche Beziehung.