Nur eine Phase? Schade!

In unserer Ehe durchlaufen wir gerade eine Phase, die ich als die humorvolle bezeichnen würde: Mein Mann sagt während des Haareschneidens, er sehe aus wie mit der Saugglocke geholt …

Glücklicherweise bekomme ich meinen Lachkrampf nach kurzer Zeit wieder in den Griff und kann korrigieren. Am Ende sieht er aus wie immer nach dem Haareschneiden – Gott sei Dank! Trotzdem wäre es schade, wenn diese Momente irgendwann einer vergangenen Phase angehören würden.

Nicht nur für Kinder

Weil es draußen rutschig ist und mein Oberschenkel verspannt ist, rudere ich, anstatt laufen zu gehen. Es tut dem Rücken gut – und ist doch total langweilig! Also höre ich dabei etwas, meist eine Predigt: Sie inspiriert mich, und die Länge passt.

Heute wähle ich ausnahmsweise ein Kinder-Hörspiel aus der Reihe „Die drei vom Ast.“ Die drei sind Waldemar, ein Eichhörnchen, die Elster Cleopatra und ihre Freundin Eulalia Hedwig Sophie Gräfin von Eichenhain Uhland, eine weise alte Eule. In jeder Folge erklärt die Gräfin den beiden anderen die Welt – immer aus einer christlichen Perspektive. Die Geschichten sind kurz, die Lieder eingängig: kindgemäß, ohne kindisch zu sein, klar in der Botschaft.

Ich wähle „Die drei vom Ast und manch guter Rat“, weil ich diese Folge in bester Erinnerung habe. Die Kinder mögen dem Hörspiel-Alter entwachsen sein; ich stecke offenbar noch drin: Nach einer halben Stunde steige ich körperlich erschöpft, aber geistig erfrischt vom Ergometer. Die Geschichten und Lieder begleiten mich noch den restlichen Abend. 

Schnee-blind

Schon wieder Schnee zum Wochenanfang: Von wegen, es gibt keine Winter mehr! „Wer sein Rad liebt, der schiebt“, denke ich mir und steige immer wieder ab. Meine Brille ist voller Schneeflocken und beschlägt gleichzeitig, weil mir unter der Kapuze so warm ist. Auf jeden Fall sehe ich zunehmend weniger von der Straße – und kein einziges Räumfahrzeug.

Als meine Kollegin mich sieht, bricht sie in schallendes Gelächter aus und macht ein Foto: Puck, die Stubenfliege … Es ist mir egal: Ich bin wach und durchgewärmt und freue mich, dass ich zur Not auch zu Fuß (und halb blind) ins Büro finde.

Kein kleines Problem

In der Zeitung wird über eine Kinderbande berichtet, die in einer deutschen Großstadt ihr Unwesen treibt. Deren Anführer sind zehn beziehungsweise zwölf Jahre alt, nicht strafmündig und dadurch schwer zu stoppen. Sie terrorisieren die halbe Nachbarschaft. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Zehnjährige und frage mich, was da falsch gelaufen ist in der Erziehung.

Einige Tage später begegne ich einem Jugendlichen, ungefähr 15 Jahre alt. Er besucht eine Näh-AG – als einziger Junge. Als ich erstaunt nachfrage, erzählt er grinsend, seine Mutter würde ihn dazu zwingen. Es ist ihm nicht peinlich, und er wirkt nicht unglücklich.

Ich kann nicht in die Zukunft sehen, klar. Aber ich ahne doch, wer von diesen jungen Menschen unserer Gesellschaft in den nächsten Jahren mehr dienen als ihr zu schaffen machen wird. Das sagt wahrscheinlich nichts darüber aus, wer von ihnen wohl „erfolgreicher“ durchs Leben kommt.

Vom Können

Zu Weihnachten schenkten mir unsere Kinder eine Kette und ein dazu passendes Armband. Beides gefällt mir sehr gut. Allerdings sind die Verschlüsse unpraktisch zu handhaben, finde ich. Allein bekomme ich vor allem den des Armbandes schlecht zu – noch dazu mit links. Ich könnte mir helfen lassen, wäre aber immer davon abhängig. Also mache ich es jeden Morgen selbst. Am Anfang war es mühsam und dauerte. Mittlerweile geht es deutlich schneller und leichter. Der schlaue Lehrer unserer Kinder hatte recht: Können kommt von Üben – nicht nur in Latein und Griechisch.

Ein Lob ist nicht immer super!

„Super, deine längste Radfahrt bisher!“, spuckt meine Lauf-App lobend aus. Normalerweise freue ich mich über Lob, aber diesmal bin ich irritiert. Radfahrt? Offenbar hatte ich die App falsch eingestellt. Ich war laufend unterwegs und, beeinträchtigt von Schnee und Schmerzen, für meine Verhältnisse kurz und sehr langsam. Insofern klingt „Super!“ mindestens merkwürdig.

In der Sache stimmt es: Es wäre meine längste Radfahrt gewesen – weil meine erste. Allerdings würde ich sie trotzdem für nicht besonders erwähnenswert halten: Drei Kilometer mit durchschnittlich neun Stundenkilometern auf dem Rad sind nichts Besonderes. Über dieses Tempo freue ich mich momentan noch nicht einmal beim Laufen. Aber das versteht die App nicht, glaube ich.

Stattdessen versuchen die Köpfe hinter der App, irgendetwas Gutes zu formulieren an dem, was ich gemacht habe. Vom Ansatz her ist das gut – eine positive Verstärkung. Aber in diesem Fall kommt mir das Lob unecht vor und ein wenig wie auf Kleinkind-Niveau: „Alles, was du machst, ist großartig!“ Der Satz soll mich ermutigen, aber ich kann ihn nicht ernst nehmen. Ein ehrliches „Da ist mehr drin!“ wäre mir lieber und angebrachter gewesen.

Blitzschnell unterwegs

Tagelang kämpfe ich mich durch Schneeberge zur Arbeit: Die Radwege sind nur teilweise geräumt – ganz zu schweigen von den Nebenstraßen. Ich fahre sehr langsam und schiebe ab und zu. Entsprechend anstrengender ist es und länger brauche ich. Dann taut´s, und Tag für Tag geht es immer leichter und besser, ohne dass ich zwischendurch absteigen muss. Ich habe den Eindruck, ich komme klar mit dem Winter auf unseren Straßen.

Heute sieht es vergleichsweise gut aus, so dass ich unbefangen vor mich hin radeln kann. In einer komplett schneefreien Straße überholt mich langsam ein junger Mann mit seinem Lastenfahrrad samt Kind hinten drauf. Ich habe beste Sicht auf die beiden, als sie völlig unerwartet und blitzschnell in Schieflage geraten und wegrutschen. Ich bremse, um nicht mit ihnen zu kollidieren, und gehe ebenso blitzschnell zu Boden. Das Mädchen brüllt, ihr Bein ist eingeklemmt, aber vor allem ist sie erschrocken. Wir rappeln uns wieder auf und merken: Es ist echt glatt. Unsere kurze, aber freundliche Schicksalsgemeinschaft dauert noch ein paar Minütchen, dann fahre ich langsam weiter – auf dem Fußweg und unsicher. Ein Sturz hat gereicht, meine mühselig erworbene Winterwetter-Fahr-Expertise gründlich zu erschüttern.

Schnee und so … (2)

So viel Schnee wie dieses Wochenende hatten wir noch nicht so oft; gut erinnern kann ich mich an die Schneemengen von 2011. Damals waren die Kinder noch im Schneeanzug-Alter und der Jüngste heulte die ganze Zeit, weil er, wie ich später merkte, eiskalte Füße hatte. Wir bauten im Garten riesige Wälle aus Schnee.

Dieses Mal sind wir aus dem Schneewall-Alter raus und genießen den Schnee lieber bei einem Spaziergang. Alles ist tief verschneit; jeder Gang ist kräftezehrend, aber wunderbar – gut, dass Wochenende ist und alles dauern darf.

Namen sind Schall und Rauch …

In einem Supermarkt tragen die Mitarbeiter Namensschilder, auf denen neuerdings nur ein Vorname zu lesen ist. Ich frage den Mann an der Kasse, ob das eine neue Unternehmenskultur sei. „Nein, das wurde so entschieden, weil es Stalking-Fälle durch Kunden gab“, erklärt er mir, „ganz übel.“ Sie als Mitarbeiter hätten für Meier, Müller, Schulze plädiert, aber das habe die Geschäftsleitung nicht gewollt. Also seien es Vornamen geworden, sagt er.

Ich finde das komisch. Die Kunden bleiben anonym – und können die Verkäufer mit Vornamen anreden. Für mich passt das nicht zu ihrer Beziehung: Was interessiert die Kunden mein Vorname? Wäre ich dort angestellt, würde ich mir einen fürs Namensschild ausdenken – Kategorie Meier, Müller, Schulze. Je nach Generation kämen also Andreas, Max oder Kevin in Frage beziehungsweise Susanne, Marie oder Chantal. Der Mann, mit dem ich rede, heißt – laut Schild zumindest – Sebastian. Ob´s stimmt? Keine Ahnung. Es ist mir letztlich auch egal. Aber mein Vertrauen in Namensschilder ist angeknackst.

„Fleißig“

Neujahr. Alle sind müde und den ganzen Tag über sehr bequem. Am frühen Abend raffe ich mich auf und beginne mit dem Abendbrot. Kaum klappere ich mit Töpfen und Pfannen und es beginnt zu riechen, kommen Mann und Söhne aus ihren Löchern: „Oh, du bist fleißig und machst was zu essen“, sagt der eine. Der andere rührt in den Bratkartoffeln herum, und der dritte beäugt interessiert, was ich mit den Nudeln vom Vortag mache.

Dann ziehen sie nacheinander wieder ab – und kommen erst wieder, als der Tisch schon gedeckt und das Essen fertig ist. Das Tischgebet ist kurz und schuld-bewusst ironisch: „Vater, danke für das Essen und für die fleißigen Hände, die es zubereitet haben.“ Immerhin.