„Die Schlafumgebung soll ja 16 bis 18 Grad warm sein“, erzählt mir der frisch-gebackene Vater begeistert, „und dann zieht man das Baby entsprechend wärmer an.“ Aha, denke ich. Wir haben nie die Zimmertemperatur gemessen – weder im Sommer noch im Winter. Sie hätte sich in unserem alten Haus auch schwerlich regulieren lassen auf die vermeintlich optimale Schlafumgebungstemperatur eines Neugeborenen. Ich nicke und höre weiter interessiert zu. Sie hätten noch keinerlei Besuch gehabt. Schließlich müsse sein Sohn erst ein Immunsystem aufbauen, sagt der Vater ernsthaft. Denn jeder wolle so ein Baby auf den Arm nehmen und vielleicht sogar küssen … „womöglich noch ins Gesicht“ … und dann auch noch im Winter, wo alle erkältet seien …
Mir tun die Großeltern leid, die ihren Enkelsohn auch knapp zwei Wochen nach der Geburt noch nicht sehen, geschweige denn halten durften. Dass der Kleine sich anstecken könnte, stimmt natürlich – ja, und? Ich murmele etwas von Nestschutz: gerade am Anfang des Lebens ein verlässlicher Partner als Hilfe gegen Infekte. Außerdem stillt die Mutter. Küsse, noch dazu ins Gesicht, sind ohnehin unangebracht; das darf man der lieben Oma freundlich sagen.
Ich gratuliere noch einmal und verabschiede mich nachdenklich. Wie gut, wenn man nicht so viel weiß und ein Ur-Vertrauen mitbringt. Seit Jahrtausenden bekommen Menschen Kinder, teilweise und andernorts unter widrigsten Umständen. Natürlich geht das nicht von selbst. Aber die ersten 18 Tage sind in vielerlei Hinsicht ein leichter Auftakt zu dem, was in den nächsten 18 Jahren auf Eltern zukommt.

