Ganz neu, das Baby

„Die Schlafumgebung soll ja 16 bis 18 Grad warm sein“, erzählt mir der frisch-gebackene Vater begeistert, „und dann zieht man das Baby entsprechend wärmer an.“ Aha, denke ich. Wir haben nie die Zimmertemperatur gemessen – weder im Sommer noch im Winter. Sie hätte sich in unserem alten Haus auch schwerlich regulieren lassen auf die vermeintlich optimale Schlafumgebungstemperatur eines Neugeborenen. Ich nicke und höre weiter interessiert zu. Sie hätten noch keinerlei Besuch gehabt. Schließlich müsse sein Sohn erst ein Immunsystem aufbauen, sagt der Vater ernsthaft. Denn jeder wolle so ein Baby auf den Arm nehmen und vielleicht sogar küssen … „womöglich noch ins Gesicht“ … und dann auch noch im Winter, wo alle erkältet seien …

Mir tun die Großeltern leid, die ihren Enkelsohn auch knapp zwei Wochen nach der Geburt noch nicht sehen, geschweige denn halten durften. Dass der Kleine sich anstecken könnte, stimmt natürlich – ja, und? Ich murmele etwas von Nestschutz: gerade am Anfang des Lebens ein verlässlicher Partner als Hilfe gegen Infekte. Außerdem stillt die Mutter. Küsse, noch dazu ins Gesicht, sind ohnehin unangebracht; das darf man der lieben Oma freundlich sagen. 

Ich gratuliere noch einmal und verabschiede mich nachdenklich. Wie gut, wenn man nicht so viel weiß und ein Ur-Vertrauen mitbringt. Seit Jahrtausenden bekommen Menschen Kinder, teilweise und andernorts unter widrigsten Umständen. Natürlich geht das nicht von selbst. Aber die ersten 18 Tage sind in vielerlei Hinsicht ein leichter Auftakt zu dem, was in den nächsten 18 Jahren auf Eltern zukommt. 

Selbstzweifel

Ich weiß, dass Gott mich liebt und ich nichts dafür leisten muss – und auch gar nicht könnte. Entsprechend bin ich (meist) dankbar und zufrieden. Und dann kommen sie, ganz unerwartet, diese Momente, in denen ich mich (im lästigen Vergleich mit anderen) klein fühle und unwichtig und nicht genügend. Unzufriedene Gedanken schleichen sich an wie durch die Hintertür; plötzlich sind sie da: `Du bist nicht so schön wie die und auch nicht so schlau, weniger fleißig und ambitioniert, zu inkonsequent, mittelmäßig begabt und nur bedingt erfolgreich …´

Solcher Art Selbstzweifel sind selten da, aber allumfassend und verfehlen nie ihr Ziel. Es sind Lügen, mein Kopf weiß das – und doch kann ich mein Herz kaum dagegen schützen. Ich fühle mich wie ein Ballon, dem die Luft abgelassen wurde: bin antriebslos, von mir selbst enttäuscht, unbegründet frustriert und lasse innerlich den Kopf hängen. Äußerlich merkt man mir wenig an, denke ich. In Gesellschaft reiße ich mich zusammen. Nur mein Mann spürt etwas, aber seine wohlgemeinten Worte erreichen nur meinen Verstand. Am besten, ich gehe mit Jesus spazieren und schaue weg von meinem „persönlichen Elend“. Trotzdem dauert es, bis ich mich wieder berappele und sich sowohl mein Selbstmitleid als auch meine schräge Selbstwahrnehmung in Luft auflöst. Dann geht´s.

Wunderbare Zeit

Gestern war ich mit allem Möglichen beschäftigt und werde es morgen wieder sein; heute ist der Tag dazwischen. Ich habe zwar nicht „mehr“ Zeit, muss aber weniger möglich machen. Also bleibt Zeit für die ZEIT – und das dazugehörige Rätsel. Wunderbar!

Worum geht`s? 

In der Klasse meines Sohnes sprechen sie darüber, wie es jemandem geht, der verletzt wurde – durch Erwartungen, Vorwürfe, Anschuldigungen … Gemeinsam tragen die Schüler anhand einer gezeichneten Person zusammen, wie man verletzt werden kann. Außerdem erzählt die Lehrerin von ihren eigenen Erfahrungen. „Sprechen Sie jetzt von sich selbst oder von ihm?“, fragt ein Schüler und deutet auf das Strichmännchen. Bevor die Lehrerin antworten kann, meldet sich eine andere Mitschülerin: „Wer hat entschieden, dass die Zeichnung ein `Er´ ist?“ Die halbe Klasse stöhnt (leise, aber genervt) auf, einige schauen irritiert, alle sind raus aus dem Thema. Es ist egal, ob es sich bei der Person um einen Mann oder eine Frau handelt; in diesem Zusammenhang ist das Geschlecht vollkommen irrelevant. Aber die Frage danach durchbricht den ursprünglichen Gedankengang – und drängt das, worum es geht, höchst erfolgreich in den Hintergrund.

Was für ein Geschenk!

Meine Tochter wird krank, ein fieser grippaler Infekt. Im Laufe des Tages verschlechtert sich ihr Befinden rapide: Fieber, Gliederschmerzen, fest sitzender Husten – das volle Programm. Abends geht sie um sechs ins Bett, kann aber nicht schlafen. Fieberträume halten sie wach. Um zwei Uhr morgens ruft sie uns verzweifelt an; durch vier Stunden Zeitverschiebung sind wir noch wach. Es ist schlimm, sie zu sehen und zu hören, wir fühlen uns ohnmächtig: Zwar ist das Bild unserer Tochter direkt vor uns, sie selbst aber weit weg – und wir können nichts für sie tun. Sie hustet und weint und will doch einfach nur schlafen. „Wadenwickel wären gut“, sagt mein Mann, „komm, wir machen das zusammen.“ Mühsam steht sie auf, macht Tücher nass, umwickelt ihre Beine und zieht Plastiktüten darüber. Dann legt sie sich wieder ins Bett und macht das Licht aus. Übers Telefon bleiben wir an ihrer Seite und beten dann für sie. Ich fühle mich nicht mehr ohnmächtig und gehe einigermaßen beruhigt ins Bett.

Am nächsten Morgen schreibt sie. Nach dem Telefonat konnte sie schlafen, erst vier Stunden, dann ohne Wadenwickel noch einmal so lange. Inzwischen hat ihre Mitbewohnerin ihr Tee gemacht, eine Wärmflasche und Porridge. Sie ist versorgt und nicht mehr allein. Aber auch nachts war sie eben nicht allein – was für ein Geschenk.

Nicht so einfach

Einer meiner Kugelschreiber gibt langsam seinen Geist auf. Weil es einer ist, der gut in der Hand liegt, fahre ich zum Kiosk, um eine neue Mine zu besorgen: möglichst blau. Ich zeige dem Verkäufer das Modell, das ich haben will. „Die habe ich nur in `breit´“, sagt er und zieht zur Anschauung eine Linie. Zu breit für meinen Geschmack; ich frage, ob er diese Mine auch in Schwarz hat. „Ja, allerdings habe ich die dann nur in `fein´…“, antwortet er mit einem leisen Lächeln. Ich schaue wohl irritiert, so dass er erklärend hinterherschiebt: „Ihre eigene Mine ist `mittel´.“

Alles klar. Ich möchte einfach nur, dass mein Kugelschreiber wieder schreibt, und habe die anstrengende Qual der Wahl.

Liegengeblieben – oder nicht?

Liegenbleiben: Irgendwie klingt das gemütlich – ist es aber nicht für den, dessen Auto streikt. Gut, wenn die Mutter dann nicht auf der Couch liegen bleibt, und ein Auto hat, das rollt.

Lichterkette: Geschenkt!

Auch bei uns hängt eine Lichterkette auf einem Busch im Vorgarten. Der Strom dafür kommt aus dem Keller und wird über eine Zeitschaltuhr geschaltet. Normalerweise ist das sehr praktisch: In den frühen Abendstunden und morgens, wenn es noch dunkel ist, leuchtet die Kette, tagsüber und nachts nicht. Doch dieses Jahr funktioniert irgendetwas in dem System nicht. Tagsüber leuchtet die Kette, abends nicht. Es könnte an der Zeitschaltuhr liegen. Mein Mann schaut nach und sagt, diese sei richtig eingestellt. Trotzdem macht die Lichterkette, was sie will. Die einzige Lösung ist also, die Zeitschaltuhr zu ersetzen und die Lichterkette händisch an- beziehungsweise auszuschalten. Natürlich vergisst man das ständig – und sie leuchtet entweder stundenlang oder überhaupt nicht. Schade, aber nicht zu ändern. Diesen Advent freue ich mich an den Lichterketten in den Vorgärten anderer Menschen. Nächstes Jahr wünsche ich mir eine Zeitschaltuhr.

Schöne Arbeit?

Ausnahmsweise muss ich mit dem Auto fahren. Die Nacht war kalt, alle Scheiben sind vereist. Ich beginne zu kratzen. Kurz darauf kommt unser Nachbar aus der Tür, etwa 15 Jahre jünger als ich. Sein Auto ist eins von diesen neueren, das sich selbst abtaut – wahrscheinlich aktivierbar, während man selbst noch warm in der Küche sitzt. „Schöne Arbeit?!“, wirft er mir über die Straße entgegen, lächelt und fährt los, ohne abzuwarten, was ich davon halte. Ich schaue ihm ungläubig hinterher und denke: „Ist das dein Ernst?“

Es ist in Ordnung und letztlich unsere Entscheidung, dass ich kratzen muss und er nicht. Trotzdem empfinde ich seine Bemerkung als unangemessen, vielleicht sogar ein bisschen arrogant, jedenfalls keineswegs amüsant. Wie immer in solchen Situationen, wenn jemand verbal aus meiner Perspektive ausbricht aus dem, was sich gehört – bin ich überfordert, ratlos und verstumme: Mir fehlen die Worte.

Freie Fahrt!

Ich liebe mein Fahrrad und benutze es gern und sehr regelmäßig. Nur ganz selten steige ich lieber ins Auto als aufs Rad: wenn es glatt ist oder Sturzbäche regnet. Momentan ist es nur immerzu bewölkt und mittelkalt, also höchstens ein bisschen ungemütlich. An solchen Tagen greifen einige Schönwetter-Radler eher zum Auto – entsprechend voll sind die Straßen. Für mich gilt: Freie Fahrt! Und dann denke ich: Mein Fahrrad und ich, wir sind ein gutes Team.