Lob-Kritik-Ratio

In der Regel werde ich mehr gelobt als getadelt. Wenn jemand sagt, dass ich etwas gut gemacht habe, freue ich mich, sehr sogar.  Es kommt auch vor, dass ich kritisiert werde. Theoretisch ist das kein Problem; konstruktive Kritik ist super und lehrreich. Praktisch nagt sie an mir. Und ich merke, dass mich Kritik mehr runterzieht, als Lob mich aufrichtet: wie ein Sack voll Zweifel gegenüber einem klitzekleinen Bisschen Zufriedenheit und Stolz.

Ein Haifisch kann einen einzigen Blutstropfen riechen, und zwar in einem Olympia-Schwimmbecken. Er hat eine sehr gute Nase. Wir sind ebenso sensibel, wenn es um Kritik geht, und vertragen nicht viel.

„Vergeben sollt ihr siebenmal siebzigmal“, sagt Jesus – was so viel heißt wie „immer wieder“. Das passt auch für Lob. Und Kritik nur, wenn´s dem anderen hilft, sich zu verändern.

Weihnachtsmarkt: geschenkt!

Eine vierköpfige Familie (Vater, Mutter, zwei kleine Töchter) geht auf den Weihnachtsmarkt, pro Adventszeit zweimal, wie sie sagen. Diesmal lassen sie sich von einem Redakteur begleiten. Hier etwas essen, da etwas trinken, ein bisschen Karussellfahren für die Kleine, eine Runde Riesenrad für alle, am Ende einmal Schmalzgebäck – „muss sein“. Im anschließenden Bericht steht, sie hätten insgesamt etwas über 87 Euro ausgegeben. Das sei für viele Familien „durchaus erschwinglich“, heißt es.

Ich wundere mich und denke: Über 87 Euro? Euer „durchaus erschwinglich“ ist für mich „echt teuer“.

Raus mit dir

Wir haben Besuch im Hospiz: Vikare, die sich innerhalb des Themas Seelsorge über Hospizarbeit informieren wollen. Die vier jungen Männer kommen teilweise von weither; schon bei der Vorstellung erahne ich ihre sicherlich interessanten Biografien. Sofort frage ich sie: Wieso, weshalb, warum – und wieso hier? Meine Kollegin wird unruhig und bittet mich, ein Foto zu machen. Gleich darauf verabschiedet sie mich freundlich, aber nachdrücklich: „Du fragst immer so viel, aber jetzt übernehme ich.“

Erst war ich ein bisschen enttäuscht und geschockt. Schließlich bin ich rausgeflogen. Aber es gibt unangenehmere Gründe. „Du fragst immer so viel“ verstehe ich als Kompliment!

Relativ ewig … 

Ich lese den Begriff „literaturtechnisch verewigt“ und denke spontan: Schön wär`s! Heutzutage werden Bücher umgeschrieben, die Jahrzehnte zur Standard-Lektüre für Kinder gehörten. In Zeiten politisch korrekter Tonalität ist (zumindest die literaturtechnische) Ewigkeit ein relativ überschaubarer Zeitraum …

Ausgetrickst …

Es ist so kalt, dass der Schnee auf den Wiesen nicht wirklich taut. Die Radwege sind glücklicherweise frei; und auf dem Heimweg von der Arbeit denke ich: Ich sollte laufen gehen. Allerdings könnte es schwer werden, mich dazu – einmal zu Hause angekommen – aufzuraffen. Also ziehe ich mir direkt nach dem Heimkommen meine Laufsachen an. Erst dann esse ich etwas und schaue in die Zeitung. Gemütlich ist es und warm, auch im Garten liegt immer noch ein bisschen nasser Schnee. Richtig Lust habe ich nicht, noch einmal nach draußen zu gehen. Aber ich bin ja schon umgezogen – das hilft. Ich muss mich nur noch kurz anstupsen, Schuhe und Jacke an und los. Nach den ersten 100 Metern ist es in Ordnung; bei Kilometer drei kommt tatsächlich die Sonne raus. Ich bin dankbar, dass ich mich selbst ausgetrickst habe.

Rote Rosen: geschenkt!

Ich bin den ganzen Samstag weg und besuche meinen Vater, meine Geschwister und meine Nichte. Nach über 550 Kilometern im Auto, viel Gespräch bin ich abends erschöpft und zufrieden wieder daheim. Der Sonntag verläuft vergleichsweise unspektakulär; ich verlasse das Haus nur für den Gottesdienst. Erst kurz vor dem Schlafengehen bemerke ich die roten Rosen auf dem Wohnzimmertisch – einfach mal so, dachte sich mein Mann. Es ist erschütternd, mit welcher Ignoranz ich in meinen eigenen vier Wänden unterwegs bin!

Spät, kalt und schön

Ich fahre spät von der Arbeit nach Hause und muss noch einkaufen; es dämmert schon. Als ich den Supermarkt verlasse, ist es mehr oder weniger komplett dunkel – und ziemlich kalt sowieso. Trotzdem steige ich vergnügt auf mein Rad: Erstens ist mir warm. Zweitens kann ich den Schleichweg übers Feld nehmen, abseits der Hauptstraße. Und drittens schluckt die Dunkelheit die optischen Reize und ich komme innerlich zur Ruhe. Wie schön es sein kann, mit dem Fahrrad nach Hause zu fahren.

Wer weiß?!

Wäre Jesus Klima-Aktivist, also zum Beispiel Teil der „Letzten Generation“? Eine Freundin von mir findet „eher Ja“. Schließlich stehe in der Bibel, wir Christen sollen die Schöpfung bewahren. Und außerdem: Sei Jesus nicht auch zivil ungehorsam gewesen?

Spontan und intuitiv halte ich dagegen; ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesus sich der „Letzten Generation“ angeschlossen hätte. Dazu wirken mir deren Vertreter zu aggressiv, intolerant und überheblich. Außerdem widerstrebt es mir, Jesus derart instrumentalisiert zu sehen: als wüssten wir ganz genau, wie er sich verhalten würde. Selbst seine engsten Weggefährten wurden von ihm immer wieder überrascht – nicht immer zu ihrer Freude.

Aber solange meine Freundin und ich nur unsere persönliche Meinung kundtun, spekulieren wir. Mein Mann sagt zurecht, dass man nur in der Bibel eine Antwort auf diese Frage finden kann. Der Jesus, dem ich da begegne, war weder intolerant noch auf Krawall gebürstet oder überhaupt politisch aktiv: Ich schätze, ich bezweifle zurecht, dass er mitgemacht hätte bei der „Letzten Generation“. Sicher hätte er sich in seinem persönlichen Umfeld für einen behutsamen Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen eingesetzt – wie auch immer. Aber deutlich mehr am Herzen lag ihm immer unser Seelenheil.

Wie wahr!

Je älter man ist, desto früher wird es spät. Ein genialer Satz – keine Ahnung, von wem.