Keinen Respekt

Wir haben eine Massagepistole, mit der wir uns gegenseitig zu Leibe rücken. Das ist im Moment sehr unangenehm und langfristig wohltuend. Wenn ich an der Reihe bin, amüsieren sich die anderen, weil ich mich so anstelle. „Nein, nicht dort, hör auf, nicht so doll …“, zwischendurch versuche ich, die Vibrationen zu veratmen – fast wie Wehen. „Das Gerät hat keinen Respekt“, sagt mein Mann, „da könnte der Präsident der Vereinigten Staaten hier liegen und das Teil würde genauso arbeiten.“ Er hat Recht, aber das macht es auch nicht erträglicher.

Legendär

In einer Mediathek entdecke ich Simon & Garfunkels Konzert im New Yorker Central Park 1981. “We seem to have filled the place …“ beschreibt sehr bescheiden die 500.000 Zuhörer, die sich versammelt hatten: im Central Park, “where they say you should not wander after dark“. Ich kann fast jedes Lied mitsingen, Texte und Melodien aus meiner Jugend sind mir sehr geläufig. Wie wenig Brimborium sie machen um ihre Musik und sich selbst, denke ich. Sie stehen da einfach und singen anderthalb Stunden lang – viele Lieder, kaum Show und wenige, nebenbei eingestreute Ansagen: “Well, it´s great to do a neighborhood concert.“ Ein Nachbarschaftskonzert. Nichts könnte diese ganz besondere, sehr erfolgreiche, noch Jahrzehnte später weltbekannte und einfach legendäre Veranstaltung treffender beschreiben.

Befindlichkeiten

Ich organisiere ein Familientreffen und muss einiges bedenken. Als ich eine geeignete Örtlichkeit gefunden habe, bin ich erleichtert – wie sich herausstellt: zu früh. Denn ich muss einige Male nachhaken, wer wann kann und tatsächlich dabei sein wird. Schließlich ist auch das klar und ich verteile die Zimmer, wie die Teilnehmer es wünschen und brauchen: Einzel- oder Doppelzimmer; Aufbettung möglich oder nicht; Zimmer können verbunden werden … Aber es geht noch weiter. Unsere Gastgeber schicken mir eine Checkliste. Diese soll es leichter machen, unser Treffen vorzubereiten. Für mich offenbaren sich dadurch erst weitere komplexe Fragen: Wer isst Fleisch, wer bevorzugt vegetarische, wer vegane Kost? Weiterhin aufzulisten sind Unverträglichkeiten wie Gluten-, Laktose- beziehungsweise Fruktoseintoleranz (z. B. Name 1: vegetarisch + Nussallergie; Name 2: kein Schwein + Laktoseintoleranz usw.). Sind die Teilnehmer männlich, weiblich oder divers – und wenn ja, wie viele? 

Indem großzügig auf alle möglichen Befindlichkeiten Rücksicht genommen wird, zerrint mir meine eigene Großzügigkeit zwischen den Fingern. Es handelt sich um ein gemeinsames Wochenende, denke ich, esst Äpfel! Umso mehr beginne ich einen Gast zu schätzen, der ebenso aus dem letzten Jahrhundert stammt wie ich. Er hatte mir bereits im Vorfeld mitgeteilt, er sei zwar Vegetarier, aber Salate und Brot würden ihm reichen. Seinetwegen müsse ich mir keinen Kopf um irgendwelche Extras wie Grillkäse und Co. machen. Wie schön, wie unkompliziert, wie angenehm – ein bisschen wie früher!

Ein Fehler oder was?!

Unser jüngster Sohn packt für eine Jugendfreizeit. Am Ende stehen da Koffer, Tasche, Rucksack und dazu noch Schlafsack und Iso-Matte. Ich bin skeptisch, ob diese Fülle so eine gute Idee ist: Er fährt Zug; wir sind beide ein bisschen aufgeregt. Mein Mann ist die Ruhe selbst: „Er wird seine Erfahrungen machen“, sagt er, „und wenn die fünf Gepäckstücke zum Problem werden sollten, weiß er nächstes Mal, was er anders machen kann.“

Aus eigenen Fehlern und damit verbundenen negativen Erfahrungen lernen wir mehr, als wenn jemand anderes diese verhindert – mein Kopf weiß das. Mein Herz würde lieber helfen. Ich solle doch mal überlegen, welches Wort man aus den Buchstaben des Wortes FEHLER noch machen kann, rät mir mein Mann. Weil ich nicht darauf komme, hilft er mir: HELFER.

Ein Fehler ist als Helfer nachhaltiger als ein Fehler-Verhinderer. Wie toll ist das denn!

(Un-)abhängig, 2025

Eine junge Frau spricht mit einem ebenso jungen Mann. Sie erzählt ihm, wie sie sich ihr Leben wünscht: Wenn möglich, würde sie gern ihrem Mann das Geldverdienen überlassen und sich selbst um Haushalt und Kinder kümmern. Es ist für sie nicht attraktiv, sich Berufstätigkeit sowie die Aufgaben zu Hause zu gleichen Teilen mit ihrem Mann zu teilen. Gleichberechtigung heißt für sie, dass jeder die Rolle übernimmt, die am besten zu ihm passt – und beide aufeinander angewiesen sind.

Der junge Mann hört zu und staunt. Dass eine Frau sich ihre Zukunft so vorstellt, ist ihm neu. Seiner Wahrnehmung hat politisch korrekte Gleichberechtigung derzeit damit zu tun, möglichst unabhängig zu sein, um sich selbst zu verwirklichen. Emanzipierte Frauen, so heißt es, verdienen ihr eigenes Geld und teilen sich Haus- und Erziehungsarbeit mit dem Mann. Es „sind schließlich auch seine Kinder“. 

Diese junge Frau sieht das anders. In einer Partnerschaft voneinander abhängig zu sein, ist für sie nicht bedrohlich, sondern eine gute Ergänzung. Sie steht zu einem Lebensplan, der sie weder reich machen noch ihr gesellschaftliche Bewunderung bescheren wird. Mit der ihm zugedachten Aufgabe in ihrem Lebenskonzept könnte der junge Mann sich gut arrangieren. Es käme ihm nicht in den Sinn, auf sie herabzuschauen. Er erlebt sie als stark und unabhängig – auch ohne eigene Karriere selbstverständlich auf Augenhöhe.

Erstaunlich

Zu meinem Geburtstag gab meine Kollegin mir drei blaue Hortensienblüten – am Morgen in ihrem Garten abgeschnitten. Noch während ich mich bedankte, begann mein Hirn zu arbeiten: Hortensien, dachte ich, wo sind eigentlich meine Hortensien abgeblieben? Ich habe mindestens schon drei Hortensienpflanzen geschenkt bekommen; keine davon ist jetzt noch in meinem Garten zu finden. 

Neu motiviert beginne ich, mich mit Hortensien zu beschäftigen – und verstehe, warum meine über die Jahre verschwunden sind: Sie brauchen sehr viel Wasser und einige von ihnen dafür nicht so viel Sonne. Wir beschließen, es noch einmal zu probieren, und kaufen uns drei Exemplare. Es ist erstaunlich, was dadurch passiert: Plötzlich sehe ich überall Hortensien und bin – mitten im Sommer – dankbar für jeden Regenschauer.

Glückwunsch!

In der Vegan-Tabelle steht Hannover 96 auf dem Abstiegsplatz, lese ich in der Zeitung. Ich bin weder Hannoveranerin noch Fußball-Fan, aber die Überschrift gefällt mir. Zu diesem Abschneiden beglückwünsche ich die Stadion-Verantwortlichen ganz herzlich!

Wo leben wir, dass wir vergleichen, wie umfassend vegan die kulinarischen Alternativen in einem Fußballstadion sind? Das ist eindeutig Jammern auf sehr hohem Niveau – für mich schon bedenklich nah am Kipp-Punkt. Auf der anderen Seite befinden sich: angemessen, wesentlich, mit Bodenhaftung und der oft zitierte gesunde Menschenverstand. Na, herzlichen Glückwunsch!

Lässig

Ich weiß nicht, was den Baum im Park dazu brachte, in Schräglage zu kommen. Auf jeden Fall blieb er von menschlichem Eingreifen verschont und sich selbst überlassen: Dem blinden Parkwächter sei Dank! Not macht erfinderisch; der Baum behalf und behilft sich mit einer selbst gewachsenen Krücke. Sie leistet ihm gute Dienste – und verleiht ihm ein lässiges Aussehen. 

Kein Automatismus

Wenn ich meinen Besitz pflege, hält er länger. Wer arbeiten geht, verdient Geld; und wer integer und loyal lebt, bekommt Anerkennung und Respekt. Und normalerweise bleibe ich mit Sport, gesunder Ernährung und ausreichend Schlaf fitter als ohne. Aber all das ist kein Automatismus: Nicht immer befinden sich das, was man tut, und das, was man dafür bekommt, in einer ausgewogenen Balance – egal, ob in monetärer, körperlicher oder geistiger Hinsicht.

Zum Beispiel investieren (sich) Mütter und Väter unentgeltlich und jahrelang in ihre Sprösslinge. Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich. Weder Eltern noch Kinder funktionieren wie Maschinen und viele andere Einflüsse sind sowieso nicht kontrollierbar. Am besten also du tust, was du kannst und wovon du überzeugt bist, ohne allzu viel darüber nachzudenken, was am Ende dabei herauskommt.

In der Not …

Ein Abenteurer ist schwer erkrankt; in der Zeitung wird seine Frau zitiert: „Wir hoffen und beten.“ Wenn Menschen am Ende sind mit ihrem Latein und sich ohnmächtig fühlen, fällt ihnen ein, dass sie beten könnten. Grundsätzlich finde ich es gut, wenn Leute beten, weil sie merken, dass nur von Gott Hilfe kommen kann. Andererseits kommt es mir zu einfach vor: Gott wie einen Feuerlöscher zu benutzen, wenn die Hütte brennt – und sonst nichts von ihm wissen zu wollen. Wie ginge es mir als Mutter, würden unsere Kinder mich nur anrufen, wenn sie Geld brauchen oder Beziehungen oder Hilfe beim Umzug? Eine Weile würde ich wohl mitmachen, aber irgendwann käme ich mir ausgenutzt vor, nicht gebraucht sondern benutzt.