Auge im Sturm

Manche Zeiten fühlen sich an wie ein wildes Durcheinander: Alltägliche Aufgaben sind sowieso da, einige extra Termine hübschen das Ganze auf (Sportverletzungen oder schräg liegenden Weisheitszähne treiben uns zum Arzt), Geburtstage – schon wieder? Wenn dann noch einer TRAURIG wird oder besondere Begleitung benötigt, verliere ich manchmal den Überblick – und weiß morgens nicht, womit ich anfangen soll. Irgendwie geht es dann doch immer weiter, `schaffe´ ich alles; ich weiß das schon. Aber die Ruhe geht flöten, ich fühle mich getrieben und würde am liebsten die Zeiten der Besinnung streichen. Was ließe sich nicht alles erledigen, anstatt eine Stunde mit Jesus spazieren zu gehen und zu beten?

Luther sagt dagegen: „Heute habe ich viel zu tun, deswegen muss ich viel beten.“ Er wusste, dass die Zeit mit Gott wie das `Auge im Sturm´ ist – da ist es ganz still. Da finde ich die innere Ruhe, von der aus ich anders an meine Aufgaben heran gehe – sortierter, gelassener und motivierter. Und dann, noch einmal Luther: „Bete so, als würde jedes Arbeiten nichts nutzen, und arbeite so, als würde jedes Gebet nichts nutzen.“ Ein gutes Lebensprinzip.

Ratlos

Eine ältere Dame in meiner Nachbarschaft hat Geburtstag. Ich schreibe eine Karte und besuche sie; sie ist allein und freut sich, dass ich komme. Auf meine Frage, wie es ihr geht, antwortet sie: „Immer schlechter.“ Vor drei Wochen war sie gestürzt, dabei hatte sie sich den Arm gebrochen. Jetzt benutzt sie ihren Rollator zur Sicherheit auch im Haus. Es sei mühselig, das Leben, erzählt sie mir, und einsam, nur ihr Hund lenke sie ab und tue ihr gut. Ich frage, ob sie schon wieder schreiben kann oder malen – eines ihrer Hobbys, in der Wohnung hängen viele ihrer Bilder. Sie verneint alles: Der Stift sei ihr schon vorher aus der Hand gerutscht; und zum Malen habe sie auch keine Lust mehr.

Es ist eine bedrückende Atmosphäre in ihrer Wohnung: Meine Bekannte wirkt beschwert, antriebslos und allein; andererseits bezeichnet sie sich als menschenscheu. „Regelmäßige Gesellschaft wäre mir schnell zu viel“, sagt sie. Unser Gespräch mit ihr läuft nicht `von selbst´ – ich empfinde es als mühselig. Nach einer Weile verabschiede ich mich, fast mit einem schlechten Gewissen: Ich bin ratlos, was ihr gut tun und unseren Gesprächen eine frische Note geben würde. Daher komme ich mir unbeholfen und unzulänglich vor und besuche sie selten – keine gute Lösung. 

Die Frau ist resigniert und erwartet nicht mehr viel vom Leben: Ihre Schwermut überlagert alles andere wie abgestandene, schlechte Luft. Man müsste gründlich durchlüften – buchstäblich und metaphorisch gesprochen. Meine Besuche sind nur ein kleines, schwaches Lüftchen, das (fast) nichts bewirkt.

(Lotto-)Gewinn

„Dasselbe wieder?“, fragt die Frau an der Lotto-Kasse einen Kunden. „Ja“, sagt er und schiebt hinterher: „Kommt ja doch nichts dabei heraus.“ Er solle `immer optimistisch´ bleiben, erwidert die Frau, während sie neu für ihn tippt und abkassiert.

Lotto ist mir fremd; ich habe noch nie gespielt. Jedesmal, wenn ich Zeugin eines Lotto-Spiel-Vorgangs werde, wundere ich mich deshalb über die Kosten: 30, 40 oder 50 Euro sind nicht ungewöhnlich. Laut Statistik geben über drei Millionen Deutsche 50 Euro und mehr pro Monat für Lotto aus.

Für mich persönlich sind 50 Euro Spiel-Einsatz nicht unerheblich – und (rational betrachtet) vermeidbar: Kaum einer gewinnt im Lotto das große Geld! Die Beweggründe, trotzdem zu spielen, müssen daher nicht-rationaler Natur sein: `Irgendwann muss es klappen´, denken Spieler vielleicht. Wöchentlich hoffen sie und lieben die Anspannung – und schon wieder ist ein Monat rum. In diesem Fall von `die Hoffnung stirbt zuletzt´ kann ich das fortwährende Probieren verstehen. „Kommt ja doch nichts dabei heraus“ dagegen überrascht mich: Wieso spielt einer, der nicht auf einen Gewinn hofft? Ich investiere mein Geld lieber so, dass etwas dabei herauskommt – eine Flasche Wein, ein Buch, eine Theaterkarte, ein Essen mit Freunden. Damit gewinne ich immer.

Beifang

„Weißt du schon, wie viele Klausuren du heute schaffen willst?“, frage ich meinen Mann. „Vier“, lautet die Antwort. Ich bin überrascht, denn normalerweise beantwortet er Fragen `sprachökonomisch´ – in diesem Fall hatte ich mit einem knappen Ja oder Nein gerechnet. Mein Mann lächelt, als ich ihn auf dieses freiwillig gelieferte MEHR an Information anspreche: „So mache ich das manchmal; du kannst es als `Beifang´ in Kommunikation verstehen.“ Dieser Tag fängt schon sehr gut an!

Vom Schritt zum Weg zum Ziel

Ein paar Aufgaben erledige ich weniger gern als andere – Bügeln zum Beispiel oder Putzen: Der hergestellte Zustand hat für meinen Geschmack eine zu kurze Halbwertzeit.

Andere Tätigkeiten fallen extra an und müssen einmalig erledigt werden. Mehr Spaß machen sie deshalb nicht: Wer Lego verkaufen will, muss Lego-Modelle auseinander bauen und Teile zählen – bisweilen mühselig.

Aber Pflichten sind nicht per se unangenehm. Wenn ich einmal angefangen habe, liegt auch im Müssen etwas Schönes: Gerade bei den praktischen Aufgaben ermutigt mich der Vorher-Nachher-Effekt; das Tun selbst macht mir dann mehr Spaß, als ich vorher dachte. Jeder Berg ist aus der Distanz am größten – und schrumpft, wenn man einfach anfängt, ihn zu besteigen. „Der erste Schritt ist der halbe Weg“, nennt mein Mann das. Manchmal wird der Weg selbst dann zum Ziel.

Dazwischen

In einer Zeitschrift lese ich, dass man manchmal einfach helfen sollte, anstatt Hilfe nur anzubieten. „Melde dich, wenn du was brauchst“, könne man stecken lassen, steht da, das sei oft zu viel Wort und zu wenig Tat. Da ist was dran: Es fällt uns schwerer, um Hilfe zu bitten, als sie einfach dankend anzunehmen – wahrscheinlich vor allem, wenn wir besonders hilfsbedürftig sind.

Andererseits gibt es auch zu wenig Wort und zu viel Tat: Wer genau weiß, was mir gut tut, kann mit einem `Nein, danke!´ oft nicht gut umgehen. Diese Erfahrung hat es mir schon manchmal schwer gemacht, frei zu entscheiden, ob ich ein Hilfsangebot annehmen möchte oder nicht.

Optimal ist die goldene Mitte: in der Tat zupackend und im Wort einfühlsam, erwartungsfrei und ehrlich.

Nachhaltig

Unser Auto ist in der Werkstatt: Ein Licht geht nicht, neue Reifen sind fällig, ein Scheibenwischer ist defekt. Alles zusammen kostet mehr als ein neues Fahrrad, aber egal. Dem Werkstatt-Chef vertraue ich. Er ist jünger als ich, aber noch von der alten Schule – und repariert mehr, als er erneuert. Vor einiger Zeit hat er uns schon bei einem Getriebeschaden zu einer besseren Lösung verholfen als zwei Mitkonkurrenten. Seitdem sind wir Stammkunden bei ihm. Denn in anderen Werkstätten bedeutet Reparieren manchmal: `defektes Teil raus, neues Teil rein´ – nicht immer die günstigste Variante. Wir kommen kurz ins Gespräch. „Es fällt mir schwer, ein Teil wegzuwerfen, das ich reparieren kann“, sagt er. Früher war das in REPARATUR-Werkstätten normal, heute ist es besonders – nämlich nachhaltig.

Vom Feiern

„Man soll die Feste feiern, wie sie fallen“, heißt es. Ein deutscher Kaiser machte angeblich Ausnahmen: Er feierte seinen Geburtstag immer erst dann, wenn die Sonne von einem wolkenlosen Himmel strahlte – Kaiserwetter eben.

Die Maueröffnung am 9. November 1989 kam unerwartet – und wurde von vielen Ostberlinern begangen wie ein Fest, das vom Himmel fiel. Auch ich ließ alles andere stehen und liegen und fuhr nach Westberlin – eine sehr gute Entscheidung.

Der 9. November 2021 scheint ein ganz normaler Dienstag zu werden. (Nur gedanklich `feiere´ ich und denke dankbar an die Grenzöffnung.) Und dann fällt doch noch etwas `in meinen Schoß´: Wir haben Kaiserwetter – nur nicht so warm. Es eignet sich hervorragend, alles andere stehen und liegen zu lassen und mich um das heruntergefallene Laub zu kümmern. Zwar sind noch nicht alle Blätter von den Bäumen runter, die meisten aber schon. `Man soll die Feste feiern … – oder den Garten harken ´, denke ich mir – eine sehr gute Entscheidung.

Wer bin ich?

Jeder Mensch ist die Summe verschiedenster Aspekte. Einer ist meine Identität: wer ich bin. Dazu kommt meine Persönlichkeit: wie ich bin. Ergänzt wird beides durch die Rolle, die ich innehabe. Die Unterschiede sind für mich schwer zu benennen. Alles hängt zusammen und außerdem davon ab, was man wie stark gewichtet.

Ein Aspekt beschreibt mich immer nur unzulänglich:
Es stimmt, dass ich eine deutsche Frau bin (Identität) – und eben kein französischer Mann.
Richtig ist auch, dass ich eher pragmatisch agiere und entscheide (Persönlichkeit) – und nicht vom `grünen Tisch´ aus.
Noch dazu bin ich Mutter und verheiratet (Rolle) – im Gegensatz zu einem kinderlosen Single. 

Aber auch alle drei Wahrheiten `zeichnen´ nur ein schemenhaftes Bild von mir, denn:
Mit vielen anderen deutschen Frauen verbindet mich nur die Sprache und das Heimatland.
Pragmatismus findet sich auch bei chinesischen Reisbauern.
Und Mütter füllen ihre Rolle unterschiedlich aus: Sie können egoistisch, gleichgültig oder hingegeben (und vieles mehr) sein.

Jeder Mensch ist die Summe unendlich vieler Aspekte, denn jeder ist einzigartig. „Ich kenne dich“, ist daher eine gewagte Aussage. (Ich bin manchmal sogar vorsichtig mit dem Satz: „Ich kenne mich!“)

Peinlich

Unser Sohn hat ein Fußballspiel; die Mannschaften sind ausgeglichen stark. Jeder will gewinnen, aber die einzelnen Spieler haben Spaß und gehen fair miteinander um. Natürlich sind Emotionen `im Spiel´: Kampfgeist, Frust, Leidenschaft, Enttäuschung und Begeisterung wechseln sich ab – manchmal binnen weniger Minuten. Soweit ist alles normal und wunderbar und sorgt für intensive, aber sportliche Stimmung.

Oft zeigen vor allem Eltern spielender Fußballer ein starkes Engagement, das ist großartig. Sie ermutigen und trösten ihre eigenen Kinder. Auch das ist normal und wunderbar. Leider bleibt es nicht bei positiver Verstärkung; einige Spielereltern lassen kein gutes Haar an der gegnerischen Mannschaft und kritisieren die meisten Schiedsrichter-Entscheidungen. Zudem kennen sie sich in allem besser aus als der Rest und sind laut dabei: Wann ist der Ball im Abseits; was ist ein Foul – und was nicht; wie, was und wann sollte der Schiedsrichter pfeifen? Am Spielrand sind ebenfalls Emotionen `im Spiel´: Wut, Begeisterung, Überheblichkeit, Aggression, Schadenfreude wechseln sich ab – manchmal binnen weniger Minuten. All das mag normal sein, ist aber keineswegs wunderbar, sondern unsportlich: Es sorgt eher für schlechte Stimmung.

Auch ich schaue zu und bin emotional beteiligt. Trotzdem halte ich mich verbal zurück. Ich kenne mich nicht genug aus und empfinde viele Bemerkungen als unsportlich. Vor allem ich weiß, dass mein Sohn die meisten Einmischungen vom Spielfeldrand nicht schätzen würde – sie wären ihm peinlich …